Aus der Sicht von vier Personen schildert Der Skarabäus rätselhafte Ereignisse um einen Araber, der sich in einem düsteren Haus in London einquartiert und offenbar eine Rechnung mit dem Politiker Paul Lessingham zu begleichen hat. Ein Obdachloser verirrt sich, bei Unwetter Schutz suchend, in diese "Höhle des Käfers" und wird zum willenlosen Werkzeug einer Kreatur, welche der Göttin Isis zu dienen scheint und das Äußere eines Skarabäus anzunehmen in der Lage ist. Die Bedrohung Lessinghams schließt nach und nach weitere Personen ein, darunter dessen Verlobte, und gipfelt in deren Entführung durch den sinistren Okkultisten. Die anderen Beteiligten jedoch schließen sich trotz gewisser Differenzen zusammen und sind ihm dicht auf den Fersen...
Richard Marshs Der Skarabäus soll einst, d.h. Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts, populärer gewesen sein als es Stokers Dracula bis dahin war – durchaus nachvollziehbar, ist dieses interessante, aber auch zwiespältige Kleinod doch etwas zugänglicher verfasst als der mitunter schwerfällige Vampirklassiker. Die Erzählform – vier Episoden die aus Sicht jeweils unterschiedlicher Personen die Handlung forterzählen – erlebt man heute nicht sehr oft, was schonmal einen gewissen Reiz darstellt und auch recht geschickt umgesetzt ist. Ein leicht belustigter-ironischer Geist schwebt derweil über dem Text, insbesondere wenn es um die gesellschaftlichen Aktivitäten der Protagonisten geht. Ähnlich Stokers Roman spielt auch Erotik eine durchaus zentrale Rolle, ohne dabei explizit zu werden. Möglicherweise – der Anhang deutet es an – war dies in der originalen Urfassung noch anders, besonders die deutschen Ausgaben aus den 1920er Jahren sollen aber "entschärft" worden sein, nicht nur in dieser Hinsicht. Die Ausgabe des Festa-Verlags basiert auf dieser alten Übersetzung bzw. versucht deren Charme zu übernehmen und ergänzt gar zu arge Auslassungen – es sollen ganze Kapitel gefehlt haben – mit den entsprechenden Übersetzungen des Originals. Wie weit dies geht, kann der Rezensent mangels Vergleichsmöglichkeiten nicht beurteilen, doch die Übersetzung an sich wirkt durchgängig und aus einem Guss.
Die Geschichte zieht einen anfangs leicht in den Bann und trägt interessante Züge der Groteske. Gegen Ende erschlafft diese Spannung leider, insbesondere das letzte Kapitel aus Sicht eines Privatermittlers, der keinen unmittelbaren Bezug zu den bisherigen Vorgängen hat (im Gegensatz zu den anderen erzählenden Protagonisten), lässt den Roman uneinheitlich erscheinen. Das Ende ist schlicht enttäuschend. Es werden Seiten über Seiten auf die Rettungsaktionen verschwendet und am Ende ist es offenbar purer Zufall, der die ganze Sache auflöst. Ein hübscher Showdown wäre sicher effektiver gewesen, so jedoch bleibt eine gewisse Unzufriedenheit zurück.
Nichtsdestotrotz ist Der Skarabäus ausgezeichnete Unterhaltung aus einer vergangenen Zeit, deren illustren Hauch (mitunter auch Muff) man so lesend nacherleben kann. Lobenswert, da leider keine Selbstverständlichkeit, ist der informative Anhang. Für alle, die auch abseits des Mainstream-Horror interessiert sind, ist dieser Klassiker eine Empfehlung wert.