Dies ist nun die zweite Hälfte der kleinen Reihe mit cthuloiden Erzählungen in chronologischer Reihenfolge von Lovecraft und anderen Autoren. Naturgemäß hat Lovecraft selbst in diesem Fall wenig beizusteuern (da tot), und wie weit sein Anteil an der gemeinsamen Story mit Lin Carter ging, Die Glocke im Turm, wird sich der meisten Leser Kenntnis entziehen; leider gibt es zu den Stories und Autoren keine weiteren Hintergrundinformationen außer den obligatorischen Copyrightangaben.
Elf Geschichten aus vier Jahrzehnten und von sehr unterschiedlicher Qualität sind hier von Frank Festa in einem eindrucksvollen Hardcover (kein Hochglanzumschlag mehr, sondern matt - sieht sehr viel besser aus) versammelt worden.
Den Anfang macht Edward P. Berglund mit Die Türme und lässt einen ziemlich ratlos zurück. Die kurz geratene Erzählung wirkt unvollständig und ziellos, als Opener des Bandes eine nicht so glückliche Wahl. Immerhin etwas Eigenständiges, und keine fade Kopie; dafür was fades Neues...
Von Ramsey Campbell hat man auch schon besseres gelesen als Die Stimme des Strandes. Die Idee ist originell, die Ausführung jedoch schwächelt entweder an der Übersetzung, oder ist schon im Original kompliziert und umständlich. Der etwas wirre Stil ist bei Campbell üblich und eines seiner Mittel zum Zweck, hier jedoch derart auf die Spitze getrieben, das einem leicht die Lust vergeht.
Die Glocke im Turm, wie angesprochen eine irgendwie geartete Kooperation von H. P. Lovecraft und Lin Carter, entspringt vermutlich einer Idee des Erstgenannten. Ein schönes Schauerstück mit einem zu leichtsinnigen Protagonisten, sehr old fashioned. Glücklicherweise keine schlechte Kopie à la Derleth; gefällt.
Robert M. Price hat auch einen Turm im Angebot, diesmal Der Runde Turm. Dem Thema Dunwich und seinen Bewohnern gewinnt er zwar nicht sehr viel spektakulär Neues ab und lehnt sich im Aufbau der Handlung an Lovecrafts Dunwich-Horror und Cthulhus Ruf an. Ein Plagiat ist die Story dennoch nicht, sondern sehr unterhaltsam und im Sinne Lovecrafts, wenn man das so behaupten kann.
Brian Stableford lässt in Das Innsmouth-Syndrom eben selbiges durch einen Gen-Forscher erkunden, natürlich auch vor Ort in einem (gar nicht so) modernen Innsmouth. Relativ höhepunktlos, aber gut geschrieben und mit einer traurigen Komponente versehen. Ein modernes Werk.
Erster deutscher Beitrag ist Michael Siefeners Bildwelten. Der Aufbau entspricht weitgehend dem typischen Lovecraft, bis hin zum düster-unheilvollen Schluss, der aber gerade hier völlig deplaziert wirkt und in keinem Verhältnis zur übrigen Stimmung der Story steht. Insgesamt nicht wirklich rund, aber auch nicht schlecht.
Blick aufs Meer von Michael Marshall Smith hat mich als erste Geschichte in diesem Band wirklich begeistert. Die unheilvolle Stimmung in diesem geheimnisschwangeren Örtchen, vor dessen Küste einst unter merkwürdigen Umständen ein Schiff sank und in dem seither ein sehr ungewöhnliches Volksfest zum Jahrestag gefeiert wird, wird ausgezeichnet herüber getragen. Der eher pragmatisch als effektheischerisch vorgebrachte Schluss verstärkt die deprimierend melancholische Stimmung noch. Sehr sehr gut!
Der Schrecken von Toad Lake wird von James Ambuehl beschworen und entpuppt sich als vergleichsweise blasse Lovecraft-Kopie mit wenig eigener Inspiration. Liest man ebenso schnell durch wie man sie wieder vergessen hat.
Brian Hodge dagegen legt mit Die Feuerbrand-Symphonie eine sehr ausführliche Geschichte vor, die den Leser mit straffer, punktgenauer Erzählweise fesselt. Die "Pointe" ist zwar letztlich nicht wirklich neu, aber Hodges Schreibe und die Verbindung cthuloider Themen mit moderner Technik und dazu die keineswegs aufgesetzt oder überflüssig wirkende Familiengeschichte des Protagonisten sorgen für ein echtes Lesevergnügen. Ein sehr gelungener moderner Beitrag zum Mythos!
Ähnlich modern ist Malte S. Sembtens Die Krakelkult-Kampagne geraten Ð hier muss eine Werbeagentur eine Kampagne ersinnen, um ein cthuloides Symbol und Zitat weltweit bekannt und bis zu einem bestimmten Termin geradezu einen Hype daraus zu machen. Was an diesem Termin geschehen wird, kann sich der Leser denken, und auch der Protagonist kommt schließlich dahinter - nicht das ihm das was nützt... Sehr originell, doch der Schluss wirkt ungünstig gewählt, lässt die Story irgendwie abgewürgt und unvollständig erscheinen. Es muss und soll ja nicht immer der kursiv geschriebene Ein-Satz-Offenbarungs-Grusler sein, wie man ihn denn so kennt (zumal er sich hier gar nicht anböte); so wirkt es aber auch nicht besonders befriedigend. Dennoch ein gut geschriebener deutscher Beitrag, der im Gedächtnis bleibt.
Christian von Asters Ein Porträt Torquemadas beschließt dann auch den Band, die Siegergeschichte eines Wettbewerbs des Festa-Verlags. In der Tat versteht auch dieser Autor sein Handwerk und schafft es geschickt, uns den Vatikan als Mitwisser cthuloider Umtriebe zu verkaufen... Zwar wirkt auch hier der Schluss unbefriedigend, die düstere Gesamtstimmung und gelungene sprachliche Komposition jedoch entschädigen dafür.
Alles in allem also ein, wie schon gesagt, durchwachsener Band, der einen repräsentativen Querschnitt von gelungene und weniger gelungenen Mythos-Geschichten präsentiert. Meine persönlichen Empfehlungen, die Beiträge von Hodge und Smith, reißen das Mittelmaß locker wieder raus, und richtig miese Durchhänger gibt es eigentlich nicht. Insofern also ein bedenkenloser Pflicht-Kauf für den Lovecraftianer und gewiss auch kein Fehlgriff für alle anderen.