"Private Eye" ist ein Detektivrollenspiel im viktorianischen England, das auf den Spuren Sherlock Holmes wandelt und das von der Fanseite her Anfang der 90er Jahre entwickelt wurde. Im letzten Jahr hat sich der kleine Verlag Redaktion Phantastik des viel zu wenig beachteten Rollenspielsystems angenommen, und als Neuheit 2004 ist jetzt das allererste Abenteuer dazu erschienen: "Eine tödliche Wette" von Thilo Bayer.
Man hat das Abenteuer optisch sehr stimmungsvoll und ansprechend recyclet, das fällt auf den ersten Blick auf. Ein Cover von Escher, der auch die ganzen Cthulhu-Publikationen von Pegasus gestaltet, das sorgt zunächst für einen interessanten Blickfang. Auch im Inneren ist ein angenehmes, lesefreudiges Layout zu beobachten, und atmosphärische Photos aus der entsprechenden Zeit um die Jahrhundertwende sorgen dafür, dass man in das Flair des Abenteuers mühelos eintauchen kann.
Das Abenteuer bietet zwar einen simplen Plot, aber der ist hervorragend ausgestaltet. Die Spieler sind bei einer Wette dabei, die ein reicher Lord abgeschlossen hat, indem er behauptet, er wäre imstande, mit seinem Schaufelraddampfer in weniger als 20 Tagen die britischen Inseln zu umrunden. Auf dieser Fahrt verläuft aber erwartungsgemäß alles andere als geplant, die Spieler sehen sich mit Sabotage, Diebstahl und sogar Mord konfrontiert.
Man hat das Abenteuer nicht in einen linearen Handlungsstrang gepresst, der bei Detektivabenteuern ja ohnehin nicht möglich wäre, sondern man hat dem Spielleiter hier einfach die Bühne bereitet und die Requisiten gestellt. Es werden die handelnden NSCs vorgestellt, mit all ihren Eigenheiten, Geheimnissen und Motiven, die Zeitlinie der Ereignisse, eine Landkarte und natürlich die Schauplatzbeschreibung – sehr gute Karten des Schaufelraddampfers. Das Spiel entsteht hier durch Interaktion der SCs mit den NSCs und bietet Rollenspiel im wahrsten Sinne des Wortes: Menschen auf einem abgegrenzten Schauplatz waren ohnehin beliebtes Motiv etlicher klassischer Detektivgeschichten.
Als besonderen Bonus gibt es in dem Heft aber auch noch einen längeren Artikel über die Weltausstellung 1893 in Chicago. Auch dieses große globale Ereignis vor der letzten Jahrhundertwende ist vorbildlich in Szene gesetzt worden, mit Plänen, Fotografien und sogar einem kleinen Szenario dazu.
"Eine tödliche Wette" ist selbstverständlich auch für Midgard 1880, Castle Falkenstein oder Cthulhu spielbar, das Quellenmaterial ist ohnehin für all diese viktorianischen Systeme bestens zu verwenden. Die Aufmachung ist wie erwähnt ebenfalls sehr gelungen, damit kann dieser Band allen interessierten Spielleitern, die in dieser Epoche spielen, ohne Vorbehalte bestens empfohlen werden.