Eine Sache weiß ich hingegen jetzt schon: hier geht es um weit mehr als nur um ein Spiel. Ich wage kaum daran zu denken, welches Geheimnis dieses Buch wirklich birgt. Sobald ich die Augen schließe, glaube ich wieder diese verlockenden Klänge aus den Tiefen des Waldes zu hören, die Stimme von DE PROFUNDIS.
Auf der Spielwarenmesse 2003 in Essen kamen die Fans anspruchsvoller Horror-Rollenspiele ganz und gar auf ihre Kosten: Neben den zahlreichen cthuloiden Neuheiten von Pegasus gab es bei Feder & Schwert "Kleine Ängste", und Krimsus Krimskrams Kiste, ein bisher vor allem durch schräge (und gute) Kartenspiele aufgefallener Kleinverlag aus München, stellte die deutsche Übersetzung von "De Profundis" vor. Bei "De Profundis" (Aus der Tiefe) handelt es sich um ein polnisches Erzählspiel von Michal Oracz, das hierzulande bereits durch seine englische Übersetzung von Hogshead Publishing aus dem Jahre 2001 einige Bekanntheit erreicht hat.
"Erzählspiel" ruft natürlich bestimmte Assoziationen hervor, und tatsächlich bietet "De Profundis" keinerlei Regeln, für die man einen Würfel oder ein Charakterdatenblatt benötigen würde. Aber ansonsten unterscheidet es sich vom herkömmlichen Rollenspiel, also auch den bekannten Erzählspielen. "De Profundis" hat zum Ziel, die Werke von H.P. Lovecraft lebendig werden zu lassen, indem sich die Spieler verhalten wie dessen Protagonisten: Sie schreiben Briefe, wie es Lovecraft selbst, viele seiner fiktiven Charaktere und die Figuren anderer Autoren getan haben, wobei ein Spielleiter nicht vorgesehen ist. Es gibt also niemanden, der den Spielern vorschreibt, welchen Verlauf ein Abenteuer - bei "De Profundis" Psychodrama genannt - nimmt und wann es zu Ende ist. Die Spieler entwickeln gemeinsam die Geschichte; im Vordergrund steht nicht, ein Spielziel zu erreichen (etwa ein Artefakt zu finden), sondern Atmosphäre aufzubauen - laut "De Profundis" der Hauptunterschied zu herkömmlichen Rollenspielen. Die Briefe, das "Spielbrett" von "De Profundis", sind wirkliche Briefe, die sich die Spieler idealerweise mit der Post schicken, handgeschrieben oder auf einer alten Schreibmaschine getippt und vom Stil her möglichst "echt" wirkend - einem fremden Adressaten soll man sich erstmal vorstellen, im Angesicht krampfhafter Angst des Charakters auch entsprechend schreiben, etc. Bei "De Profundis" spielt man vorzugsweise natürlich Lovecrafts Charaktere, aber auch jeder andere Charakter ist möglich; man kann sogar sich selbst spielen.
Eine Steigerung des Psychodramas stellt Phantasmagoria dar Ð wohl die Variante, wegen der "Ein Erzählspiel für geistig stabile Erwachsene" auf dem Buchrücken steht. Man kann sie vor allem allein spielen. Es geht darum, dass der Spieler Alltagserlebnisse nach Lovecraft-Manier weiterspinnt und erklärt. Fährt er etwas abends Bus, wird in seiner Phantasie die zusteigende ältere Dame plötzlich ein altes Mütterchen, dessen Nähe jeder instinktiv meidet und das den Spieler mit Raubtierzähnen hungrig anlächelt.
Das ganze Buch besteht aus Briefen, die der Autor Michal (Oracz) dem Übersetzer und Bearbeiter Ralf (Sandfuchs) schreibt. Da es eine Rahmengeschichte gibt - Michal berichtet Ralf davon, wie er in einem entlegenen Sumpf in einer Einsiedlerhütte ein Buch über ein Spiel namens "De Profundis" fand; dieses rekonstuiert er nun, und gleitet dabei mit jedem seiner Briefe weiter in den Wahnsinn ab -, ist das Regelwerk selbst ein Beispiel dafür, wie ein Psychodrama ablaufen könnte. Dazu tragen auch die gelungene Übersetzung und das - im Gegensatz zur englischen Ausgabe - stets atmosphärische Layout im ungewöhnlichen A 5-Format bei. Auch die Idee, nicht wie in der englischen Ausgabe einen namenlosen Verfasser an einen ebenso namenlosen Empfänger schreiben zu lassen, sondern mit Michal und Ralf konkrete Personen einzuführen, trägt zur Atmosphäre bei.
"De Profundis" wendet sich vor allem an Cthulhu-Spieler, da es ja in erster Linie um die Schöpfungen und Charaktere des H.P. Lovecraft geht. Und hier steht das innere Dasein dieser Charaktere im Mittelpunkt. So liest man im Regelwerk: "De Profundis dreht sich eben vor allem um das innere Dasein der Charaktere, das so charakteristisch für Lovecrafts literarisches Werk ist, dass es wohl als sein Markenzeichen gelten darf. Und De Profundis lässt uns daran teilhaben. Wo sonst könnten wir einen Charakter spielen, der einer mehrere Jahre dauernden, langsamen Verwandlung unterworfen ist, so wie der Abkömmling der Marsh-Familie aus dem verfluchten Innsmouth, der über viele Monate seine wahre Abstammung und seine Bestimmung erkennen muss, während sein Körper sich verwandelt? Hierfür muss man sich eines Psychodramas bedienen, das viele Monate oder gar Jahre an Spielzeit benötigt - es dürfte somit viele Briefe umfassen." Allerdings wird "De Profundis" für die allermeisten Cthulhu-Spieler höchstens eine Ergänzung zu ihrem Spiel darstellen, keinen Ersatz - schließlich fehlt hier ein wichtiges Element des Rollenspiels: das Gruppenerlebnis durch das gemeinsame und gleichzeitige Vorgehen der Spieler. Denn "De Profundis" wirkt vor allem, wenn sich Verfasser und Empfänger eines Briefes nicht zur selben Zeit am selben Ort aufhalten, sondern "echte" Briefe schreiben.
Etwas negativ fällt die Unübersichtlichkeit des Regelwerks auf, die durch den Aufbau in Briefform bedingt wird. In diesem Zusammenhang wirkt es auch nicht gerade hilfreich, dass es kein Inhaltsverzeichnis gibt, das in der amerikanischen Ausgabe noch vorhanden ist. Aber wirklich trüben kann dieser Kritikpunkt den positiven Gesamteindruck nicht. "De Profundis" ist wegen seines vollkommen neuen Spielansatzes allen Rollenspielern zu empfehlen, besonders natürlich eingefleischten Lovecraft-Fans. Nicht zuletzt wegen des geringen Preises lohnt sich eine Anschaffung auf jeden Fall.