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Europa vor dem Regen
Literatur 11.06.03

von  Frank Heller

Das erste Buch desselben Autors, Zodiak Overun, "Recording Angel Output", ist hier bereits besprochen worden. Mit "Europa vor dem Regen" legt der Autor noch einmal nach.

 

Während das genannte erste Werk aus vielen einzelnen Artikeln, Ideen, Geschichten und Fragmenten bestand, handelt es sich bei "Europa vor dem Regen" um einen echten Roman. Dieser schließt sich inhaltlich an den Episodenroman "Licht aus Schmerzen" an, der in Recording Angel Output enthalten war. Kenntnis dieser Geschichte ist aber nicht erforderlich, um diesen Roman verstehen zu können. Die Handlung findet etwas später statt, also etwa um 1930 herum.

 

Der Rückentext setzt die Messlatte sehr hoch, verspricht er doch, das Buch sei kunstvoll illustriert, böte beste Unterhaltung in der Tradition von Machen, Lovecraft und Jules Verne. Mal schauen, ob das Versprechen eingelöst wird.

 

Die Geschichte dreht sich zentral um Acheloos von Sturmfels und seine Geliebte Ariane. Diese sind ein Gangsterpaar, allerdings viel romantischer als Bonnie und Clyde, mit einem Sinn für Ästhetik. Letztlich fehlt ihnen aber auch jene brutale Skrupellosigkeit. Vor allem aber sind sie im weitesten Sinne Cthulhu-Jäger, also zu den "Guten" zu rechnen.

 

Der Fiesling und Kultist Montmatre, den man noch aus "Licht aus Schmerzen" kennt, hat in Berlin Unterschlupf gefunden und nennt sich nun "Fürchtegott von Gleißen". Dieser hat eine Organisation um sich herum aufgebaut, die einen Hauch von James Bond (SPECTRE) ausstrahlt, aber nur einen Hauch. Noch weitere Fraktionen treiben im Buch ihr Unwesen, unter anderem der Killer Roger Leland, katholische Fanatiker und andere.

 

Die Handlung vorantreibendes Element ist das "Auge des Schläfers", eine Cthulhu-Statuette, die man für ein bestimmtes Ritual braucht. Während es von Gleißen auf Ariane abgesehen hat, die er für seine dunklen Rituale benötigt, versuchen die Cthulhu-Jäger, ihm das Handwerk zu legen...

 

Die Handlung spielt fast ausschließlich im Berlin um 1930 - damit auch in der für den Cthulhu-Interessierten relevanten Epoche. Enthalten sind einige Verfolgungsjagden mit Autos und Motorrädern. Schießereien gibt es auch immer wieder - für Action ist also gesorgt. Überhaupt, Automobile: kaum ein anderer Roman wird bisher mit so viel Liebe und Detailwissen auf die Oldtimer der Zeit eingegangen sein, was wenig wundert wenn man weiß, dass der Autor unter anderem auch für die Artikel über Automobile in den 20ern in der Cthuloide Welten verantwortlich zeichnet.

 

Ansonsten bietet das Buch einen Hauch SM-Erotik, ein klein wenig (unaufdringlichen) Sex und vor allem immer wieder Exkurse über Gott und die Welt - sozusagen. Der Autor lässt seine Protagonisten immer wieder philosophieren, was meist unterhaltsam ist, aber ein wenig aus der Geschichte reißt.

 

Zur Umsetzung ist zu sagen, dass die extrem zahlreichen Rechtschreibungsfehler geradezu ins Auge springen. Alle paar Sätze finden sie sich, was doch darauf hindeutet, dass auf ein Korrekturlesen nicht allzu viel Mühe verwendet wurde. Schade.

 

Es dauert außerdem sehr lange, bis man sich in das Buch hineingelesen hat. Der Anfang ist doch teilweise eher zäh zu lesen. Das ändert sich später im Buch, wenn man sich an die Protagonisten und den Schreibstil des Autors gewöhnt hat. Zu gefallen weiß allerdings die Schlussszene - mit Aleister Crowley persönlich!

 

Ungewohnt ist die Leichtigkeit, mit der die Cthulhu-Jäger den Kultisten das Handwerk legen. Von Romanen ist man normalerweise gewöhnt, dass die "Guten" die "Bösen" nur unter ständigen Rückschlägen bezwingen können, dass diese immer wieder schier übermächtig erscheinen, dass man mit den "Guten" mitleidet und immer wieder die Daumen drückt. Nicht so hier: ungewollt (?) wirken die Gegner wie Trottel, die immer wieder in Fallen tappen, die ihnen die Cthulhu-Jäger stellen. Diese sind schlau, vorausschauend, brilliant gar und führen die "Bösen" immer wieder an der Nase herum. Wenige Rückschläge, die es gibt, sind schnell behoben - nie kommt der Eindruck auf, der Sieg der Guten in diesem Buch könnte irgendwie in Gefahr sein. Eine besondere Spannung entsteht dadurch nicht - dafür bietet das Buch aber ein anderes Gefühl, nämlich das, auf der Seite der Sieger zu stehen. Fast mag man sogar Mitleid für die Kultisten entwickeln, die wie die Fliegen sterben und auf jede List der Cthulhu-Jäger hereinzufallen scheinen.

 

Insgesamt ist das Buch bedingt zu empfehlen. Horror ist definitiv nicht enthalten, auch wenn es um die Jagd nach einer Cthulhu-Statuette geht. Aber das war auch nicht die Zielsetzung des Autors. Aber auch abgesehen davon ist der Roman über weite Strecken eher mühsam zu lesen, bis er nach zwei Dritteln dann doch noch den Leser in seinen Bann zu schlagen weiß. Jedenfalls muss man sich auf den Autor und seine etwas ungewohnte Erzählweise einlassen, um den Roman zu mögen. Dann allerdings bietet er, wie auf dem Rückentext versprochen, zumindest kurzweilige Unterhaltung. Ein Vergleich mit Lovecraft, Machen und Jules Verne erscheint allerdings doch etwas weit hergeholt. Die angepriesene kunstvolle Bebilderung besteht übrigens aus Zeichnungen des Autors von wechselnder Qualität.

 

Europa vor dem Regen ist als Book on Demand bei ubooks erschienen und kann dort online geordert werden.


Europa vor dem Regen
Zodiak Overun
236 Seiten
ubooks
ISBN 3-935798-20-5


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