Mit einem mehr als unguten Gefühl in der Magengegend eilte Nicolai Gromow durch das nächtliche Hafenviertel. Ein beinahe widernatürlich anmutender Nebel schien die ganze Stadt gleichsam einem kriechenden Moloch verschlingen zu wollen. Nicolais im Nichts der Dunkelheit verhallende Schritte trugen ihr übriges zu seiner Beklommenheit bei.
Da bereits seit längerem ohne Anstellung, hatte er sich dazu entschlossen einer leicht mysteriösen Zeitungsannonce nachzugehen, welche gegen eine nicht unerhebliche Bezahlung nach wagemutigen Freiwilligen suchte, die halfen Frachten havarierter oder gesunkener Schiffe zu bergen, was nicht ganz mit dem Gesetz in Einklang stand. Nun war Nicolai Gromow nicht gerade ein wagemutiger Teufelskerl, er hatte sich mehr schlecht als recht mit kleineren Gaunereien durchgeschlagen, doch war seine Lage mittlerweile dermaßen verzweifelt, dass auch die letzten Skrupel schwanden und er bereit war, fast jede Arbeit anzunehmen.
Als er die „Kalinka“ aus dem Nebel auftauchen sah, fragte Nicolai sich wie lange es wohl noch dauern mochte, bis dieses Wrack ebenfalls auf dem Meeresboden ruhen würde. Ein Seelenverkäufer der übelsten Sorte, halb vermodert und die ursprüngliche Farbe kaum noch zu erahnen, lag die „Kalinka“ gespenstisch im trüben Licht einer einsamen Laterne da. Die Planke wirkte ebenfalls alles andere als vertrauenswürdig. Schwarzes Wasser gluckste unter ihm, als er vorsichtig das knarrende Holz überquerte. Auf der anderen Seite angekommen klopfte Nicolai an einer Tür, hinter der er die Messe vermutete, aber nichts geschah. Nach einigem Zögern versuchte er es nochmals. Ein undefinierbares Poltern begann. Schließlich riss ein übellauniger Alter in einer verdreckten Kapitänsuniform die Tür auf. Der Mann, bei dem es sich um den in der Annonce erwähnten Kapitän Sokolow handeln musste, passte auf erschreckend bezeichnende Weise zu seinem Schiff: Das Gesicht ganz und gar von Narben übersät, einige schüttere weiße Haare die in alle Richtungen abstanden und auch ansonsten eine ausnehmend ungepflegte Erscheinung. Zudem war da etwas mit seinem linken Auge, doch vermochte Nicolai nicht zu sagen was.
„Was in drei Teufels Namen will denn einer wie du zu solch einer gottlosen Stunde noch von mir?“, brachte ihm Sokolow mürrisch entgegen.
Nicolai erklärte sich in wenigen, trotzdem aber höflichen Worten.
„Verzeihen sie, wenn ich stören sollte. Mein Name ist Nicolai Gromow, ich bin wegen ihrer Annonce hier.“
Er hatte kaum ausgesprochen, da brach der Kapitän in einem schallenden Gelächter aus, zwischen dem Nicolai nur die Worte „ungeheuerlich“ und „Landratte“ heraushören konnte. Doch dann schlug ihm Sokolow kräftig auf die Schulter und meinte: „Na dann komm mal rein mein junger Freund!“
An einem großen, runden Tisch saßen zwei finster aussehende Kerle, die ihm der Kapitän als Sergej und Alexander vorstellte. Die beiden machten Nicolai den Eindruck, als hätten sie eine Menge auf dem Kerbholz, zumindest deutlich mehr als er selbst. Neuerlich stieg ein Gefühl äußersten Unbehagens in ihm auf. Er fragte sich seinerseits, ob es wohl eine so gute Idee gewesen war herzukommen. Wenn er es sich jetzt noch anders überlegte, würden die drei Männer womöglich aufspringen und ihn mit ihren Messern, die sie im Übrigen jeder unübersehbar am Gürtel trugen, in feine Streifen schneiden und am nächsten Morgen an den Fischhändler verhökern.
Der Kapitän hatte sich inzwischen schwer auf seinen Stuhl fallen lassen, goss Nicolai vom Tee ein und forderte ihn kameradschaftlich auf sich am Kartenspiel zu beteiligen. Sie hatten gerade zwei Runden gespielt, als es wieder an der Tür klopfte. Nicolai erwartete das der Kapitän wie ein tollwütiger Bär losgehen würde, doch stattdessen erhob er sich langsam und stapfte etwas unverständliches vor sich hin brubbelnd zur Tür.
Der Neuankömmling der nun in die Messe trat, war augenfällig ein erfahrener Seebär, im völligen Gegensatz zu Nicolai. Der Mann, welcher vielleicht ein oder zwei Dekaden jünger als der Kapitän sein mochte, stellte sich der Mannschaft als Vladimir Anatol Nikonow vor. Er hatte schwarze, mit silbrigem Grau melierte Haare und trug eine dünne Brille mit runden Gläsern. Mit seiner Ankunft fühlte Nicolai sich sogleich um einiges Wohler auf der „Kalinka“. Ohne groß ins Gespräch zu kommen setzte man nunmehr zu fünft das Kartenspiel fort.
Nach einer weiteren Tasse Tee für jeden und einigen ungezählten Spielrunden befahl Kapitän Sokolow die Nachtruhe. Der Morgen begänne schließlich früh und die Arbeit sei hart. Nicolai folgte dem Befehl nur zu gerne. Die Kajüten waren spartanisch und klein, genügten aber völlig Nicolais einfachen Ansprüchen.
Diese Ansicht teilte auch sein Zimmergenosse Nikonow, der kurz nach ihm in die Kajüte trat. Während sie sich zum Schlafen fertig machten, kam doch noch ein Gespräch zwischen den Männern auf.
Wie sich herausstellte, war Nikonow auf Umwegen zur Seefahrt gekommen.
„Ursprünglich habe ich in Sankt Petersburg studiert.“, meinte er. „Ich wollte Geschichtslehrer werden.“
„Was ist geschehen?“, fragte Nicolai.
„Mein Vater wurde krank. Er hatte nicht viel von seinem Lohn zurücklegen können und so war es an mir Geld zu verdienen um für ihn zu sorgen.“
„Aber was hat sie dann in diese vergessene Gegend am Ende der Welt verschlagen? Viel Geld ist hier doch nicht zu machen.“
„Mittlerweile ist mein Vater auch gestorben. Aber ich habe ja nichts anderes gelernt. Bisher habe ich weiter nördlich gearbeitet, Walfang und Robbenjagd. Doch die Zeiten werden Zusehens härter, da kam mir diese Annonce gerade recht.“
Unvermittelt verebbte die Unterhaltung an diesem Punkt. Man wünschte gegenseitig eine angenehme Nachtruche und schlief denn auch baldigst ein.
Als Nicolai mitten in der Nacht hochschrak, sah er sich einem grinsenden Sokolow gegenüber, dessen Gesicht kaum ein Dutzend Zoll von dem seinen entfernt war. So unsinnig es in einem Moment unheimlicher Stille und bedrohlicher Ungewissheit wie diesem schien, gerade jetzt erkannte er was mit dem Auge des Kapitäns nicht gestimmt hatte: Es war aus Glas. Kalt und tot starrte es ihn an.
Plötzlich stürzten sich Sergej und Alexander auf Nicolai, der die beiden bis dahin nicht bemerkt hatte, zerrten ihn aus der Koje und fesselten ihn. Nicolai versuchte zwar gegen sie anzukämpfen, doch gegen die zwei Seemänner war er chancenlos. Auch seine gellenden Schreie beeindruckten niemanden. Sie griffen ihm unter die Arme und brachten ihn mit einem Ruck halbwegs zum stehen. Nicolai schrie auf vor Schmerz. Als Sergej und Alexander ihn aus der Kajüte schleiften, hatte er es aufgegeben sich zu wehren. Auch den um einiges kräftiger scheinenden Nikonow hatten sie bereits gefesselt. Er lag bewusstlos in der Messe.
„Warum nur habe ich nichts davon bemerkt?“, fragte sich Nicolai und verfluchte innerlich seinen allzu tiefen Schlaf.
Auf Geheiß Sokolows lud sich Alexander den bewusstlosen Nikonow auf seine Schultern, während Sergej weiterhin Nicolai festhielt, welcher sich bemühte den Sinn dieses nächtlichen Überfalls zu erraten. Nach einem flüchtigen Blick auf seine Taschenuhr meinte Sokolow es würde Zeit, woraufhin sich der Trupp, ob freiwillig oder nicht, wieder in Bewegung setzte.
An Deck musste Nicolai erkennen, das sie den Hafen verlassen hatten und nun stattdessen an einer kleinen Insel mit steinigem Strand ankerten. In einiger Entfernung stand eine alte Baracke, aus deren Innerem schwaches Licht und unverständliches Gemurmel drang.
Weiter ging es, einen kaum ausgetretenen Pfad entlang, zur Baracke hin. Dort angekommen schaffte man ihn und Nikonow in eine fensterlose Abstellkammer. Aus einem der Nebenräume vernahm Nicolai noch immer das merkwürdige Gemurmel, nun zwar lauter aber nach wie vor unverständlich. Die modrige Luft machte Nicolai das Atmen schwer. Der hölzerne Boden fühlte sich morsch, geradezu schwammig an, und ein beunruhigender Geruch von salzigem Wasser und getrocknetem Blut kroch in seine Nase.
Mit einem leisen Ächzen schien neben ihm Nikonow wieder zur Besinnung zu kommen.
„Nikonow, hören sie mich? Nikonow!?“
„Wo- Wo sind wir?“, erwiderte der Angesprochene unerwartet fest.
„Ich weiß es nicht genau. Sie haben uns in diese Baracke gebracht und da scheinen noch mehr Leute nebenan zu sein.“
„Wir sind nicht mehr im Hafen?“
„Nein. Es muss irgendeine Insel vor der Küste sein. - Diese seltsamen Stimmen machen mich noch wahnsinnig.“
„Was sagten sie da eben? Das mit den Stimmen?“
„Ja hören sie das denn nicht? Das klingt doch wie... wie... Ach ich weiß auch nicht wie, scheußlich auf jeden Fall!.“
„Wie ein rostiges, stumpfes Messer das sich in Knochen sägt.“, schien Nikonow mehr zu sich selbst zu sagen. Offenbar lauschte er in die Dunkelheit. „Bei Gott dem Allmächtigen...“
„Nikonow, sie wissen doch etwas! - Warum sind wir hier?“
Nikonow antwortete nicht.
„Nikonow, sagen sie schon!“
„Es gibt da Geschichten unter alten Seemännern, die man sich nur flüsternd erzählt, von bösartigen Wesen aus den Tiefen des Meeres: Die Abyssalen.“
„Die Abyssalen? - Was sollen das für Wesen sein?“
„Fischmenschen. Ich hörte einmal es gäbe sogar mehrere verschiedenartige Völker von ihnen, allesamt jedoch unsere Art hassend und verachtend.“
„Hören sie doch auf! Jetzt ist nicht die Zeit für Seemannsgarn!“
„Es ist kein Seemannsgarn. Als ich das erste Mal von eine Geschichte über sie hörte, habe ich nicht verstanden, warum sich die Alten so schwer taten, eine treffende Beschreibung für die Stimmen der Abyssalen zu finden, aber jetzt da ich sie selber höre, verstehe ich.“
„Die Angst nimmt ihnen die Sinne.“, sagte Nicolai, jedoch nicht so sicher wie es klingen sollte.
Nikonow wollte zu einer Antwort ansetzen, doch da kamen Sergej und Alexander um ihn zu holen.
„Machen sie ihren Frieden mein Junge!“, brüllte Nikonow, als sie ihn fortbrachten.
Nicolai blieb allein und verunsichert im Dunkel zurück, dazu verdammt sich mit unfreiwilligen Vorstellungen herumzuplagen: Was wenn an Nikonows „Geschichten“ etwas dran war?
Viel Zeit zum Nachsinnen blieb ihm nicht. Schmerzerfüllte Schreie Nikonows schwangen sich auf Unheil verkündenden Schwingen durch die Nacht. Es mussten unbegreifliche Qualen sein, die er durchlitt. Noch erbarmungsloser als zuvor legten sich die eiskalten Klauen der Angst um Nicolais Herz.
So plötzlich wie es begonnen, so plötzlich erstarb Nikonows Schreien. Stattdessen konnte Nicolai die schweren Stiefel Sergejs und Alexanders auf dem Flur unerbittlich näher kommen hören.
Ebenso gnadenlos wie zuvor Nikonow schleiften sie nun ihn in den grell beleuchteten Nebenraum. Was er dort sah, ließ Nicolai glauben, er müsse wahnsinnig oder in einem Fiebertraum sein. Doch die unsäglichen Schmerzen in seinen Schultern, die ihm Sergej und Alexander beständig auszukugeln drohten, überzeugten ihn vom Gegenteil.
Mit blankem Entsetzen und voller Unglaube starrte er auf eine Meute von Mischwesen. Zugleich an Menschen wie auch an Raubfische erinnernd und ein überaus garstiges Äußeres: Von dunkelgrüner Hautfarbe, glitschig schimmernd, mit großen schwarzen Augen, Schwimmhäuten und hornigen Flossenkämmen. Eine bizarre und scheinbar ungeduldig wartende Versammlung, von der abseits noch eine zweite, kleinere Gruppe stand, mit irgendetwas sehr geschäftig am Werke. Dazwischen entdeckte Nicolai in einer großen Blutlache Nikonows Brille.
Und sein Entsetzen steigerte sich noch weiter ins absolut Maßlose, als Sokolow vor ihn trat und er die Narben des Kapitäns aufreißen sehen konnte, unter denen ebenfalls dunkelgrüne Haut zum Vorschein kam.
„Der scheint mir nicht sehr komfortabel.“, knurrte einer der Wartenden.
„Du brauchst ja nicht mitzubieten.“, erwiderte Sokolow, dessen Glasauge eben auf den Boden gefallen war.
Der unglückselige Nicolai musste in dieser Nacht lernen, das dass Grauen keine Grenzen kennt, als er den von den Fischmenschen bereits halb ausgeweideten Nikonow sah.
Nicolai Gromow begriff gerade noch zu welchem Zweck er an diesem Hort der Abscheulichkeiten gebracht worden war, bevor er die Besinnung verlor.
© 2006-01-26, by Martin Beckmann