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Der Judas-Schrein
Literatur 30.05.05

von  Ingo Ahrens

Dies ist der Romanerstling des für seine Kurzgeschichten schon preisgekrönten österreichischen Autors und, soweit ich das herausfinden konnte, auch die erste Story von ihm, die im lovecraftschen Thema angesiedelt ist.

 

Alexander Körner ist Kripobeamter in Wien und hat dank einer mehr oder minder vermasselten Geiselnahme einigen Ärger in der Behörde. Um ihn aus der Schusslinie zu bekommen, wird ihm ein Mordfall in Grein am Gebirge überantwortet – seinem Heimatort, mit dem ihn dunkle Erinnerungen verbinden. Dort ist eine 14jährige in der Dorfdisco bestialisch getötet worden; wie sich herausstellt, wurde ihre Wirbelsäule in Stücke gerissen und auf der Tanzfläche verteilt... Die Obduktion enthüllt weitere mysteriöse Details, doch ein rätselhafter Selbstmord mit Geständnis scheint den Fall schon früh zu klären. Doch zu vieles ist für Körner noch im Unklaren, bald ist klar, dass eine Menge Leute im Ort etwas zu verbergen haben. Die Situation wird immer brisanter, wozu die sintflutartigen Regenfälle beitragen, die Grein am Gebirge zu einem Katastrophengebiet werden lassen, in dem Körner und seine Ermittler bald eingeschlossen sind und ihre Untersuchungen unter immer gefährlicheren Umständen durchführen müssen. Die Geheimnisse dieses Ortes scheinen bis ins Jahr 1864 zurück zu reichen, eine gigantische Verschwörung um eine unirdische Kreatur in den alten Bergwerkstollen unter dem Ort enthüllt sich – und fordert immer mehr Opfer unter dem Kriminalistenteam. Körner läuft die Zeit davon, und zu allem Überfluss haben seine Gegner auch noch eine Gefangene – seine Tochter...

 

CSI: Wien wäre wohl ein passender Untertitel für diesen ausserordentlich unterhaltsamen und spannenden Roman. Man merkt deutlich die Sorgfalt des Autors bei der Recherche kriminalistischer Details, die er überzeugend zu vermitteln versteht. Was zuerst noch wie ein Krimi daher kommt, wird spätestens nach der Hälfte zu einem okkulten Thriller, wie es im Cthulhu-Genre keinen zweiten gibt. Etwas überflüssig wirken einzig die Rückblenden auf Ereignisse im Jahre 1937, bei denen man dazu neigt sie zu überfliegen und rasch zur Haupthandlung zurück zu gelangen. Das Ende ist voll und ganz im Sinne lovecraftschen Grauens und mehr als gelungen, geradezu brillant! - auch wenn die mitunter etwas hölzerne Charakterisierung des Haupt-Protagonisten Körner verhinderen mag, dass man sich zu sehr um ihn sorgt, kommt man nicht umhin, ihn für seinen nicht nachlassenden Mut und Überlebenswillen zu bewundern.

 

Üblicherweise wird es als schwierig erachtet, den Prinzipien des lovecraftschen Grauens in Romanform gerecht zu werden; Kurzgeschichten und Erzählungen eignen sich hierfür wesentlich besser. Auch Der Judas-Schrein bestätigt, trotz des wunderbaren Endes, diese Einschätzung. Zwar ist der Roman sehr spannend, lädt zum Miträtseln und –fiebern ein und löst die Rätsel geschickt auf; die Atmosphäre cthuloiden Grauens, welche die besten Stories des Cthulhu-Mythos ausmacht, kommt kaum auf. Das macht interessanterweise aber auch überhaupt nichts aus, da der Roman auch so prima funktioniert und fast lückenlos zu unterhalten versteht. Für mich ist Der Judas-Schrein definitiv einer, wenn nicht der Höhepunkt der ganzen Reihe. Für den mittlerweile üblichen Preis bekommt der Leser einen höchst empfehlenswerten Okkult-Krimi aus deutsch(sprachig)er Feder, wie man ihn wirklich gerne öfter lesen würde – bitte mehr davon, Herr Gruber! Einziger Wermutstropfen ist das fehlende Lesebändchen, an dem der Verlag gespart hat – dafür ist das Titelbild ganz vorzüglich, ebenfalls eines der Besten der ganzen Reihe. Nicht nur für Fans gilt: sollte man haben, diesen Roman!


Der Judas-Schrein
H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens Band 16
Andreas Gruber
Festa-Verlag 2005, 24,-- EUR
Hardcover, 464 Seiten


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