Dieser Band aus der Reihe "Edgar Allan Poes Phantastische Bibliothek" enthält fünf Kurzgeschichten/Erzählungen des Engländers Quentin S. Crisp (nicht zu verwechseln mit dem ohne "S."), welcher dem Klappentext als besonderes neues Talent des Genres gilt. Dem Verfasser dieser Rezension war er bis dato nicht bekannt, aber das spricht im Zweifelsfall eher gegen den Rezensenten.
Die Stories befassen sich mit unterschiedlichen Themen/Ideen, es handelt sich also nicht um ein "Konzept"werk wie "Grausame Städte" von Markus K. Korb aus derselben Reihe. Cousin X ist ein, sagen wir mal, verhaltensgestörter Jugendlicher, der seine Cousine in seine seltsame Gedankenwelt zieht. Die Meerjungfrau ist die Obsession eines Mannes, der am Ende seine sexuelle Erfüllung jedoch nicht findet, nachdem das Verwandlungsritual des Fischmädchens unerwartete (haha…) Folgen hat. Im Verfall lebt ein junger Mann, der sich damit konfrontiert sieht, dass ebendieser sein Haus und sein Leben zu verschlingen scheint. In Der Einsiedler ist auch irgendwas passiert und es ist dem Rezensenten gehörig peinlich, sich nicht daran zu erinnern – oder sollte es das Ziel des Autoren sein? Schlussendlich liefert Die Fleischfabrik eine düstere Zukunftsvision, in der künstlich zur Ernährung gezüchtetes Fleisch ein Bewusstsein entwickelt und den Spieß (!) umdreht…
Dieser Beschreibung könnte man entnehmen, dass der Rezensent nicht an allem Gefallen gefunden hat, was es in dem Band zu lesen gab, und so ist es auch. Bereits die erste Story veranlasst angesichts des weitschweifigen, metaphernüberladenen Stils dazu, ganze Absätze zu überfliegen oder –springen, ein Trend, der sich in den weiteren Geschichten leider überwiegend fortsetzt. Dieses "Fleisches" beraubt, bleibt das Skelett einiger lauer, einiger bemerkenswerter "Pointen" übrig, die durchaus eine bessere Umsetzung verdient gehabt hätten. Der Autor ist spürbar bemüht, tiefsinnige, finstere Gedanken und Gefühle zu vermitteln, nur leider endet er dabei zu oft in trübem Geschwurbel ohne Zusammenhang und Relevanz. Spannung kommt selten auf, in der (theoretisch) etwas actionreicheren Fleischfabrik misslingt dies leider ebenso gänzlich. Oftmals verliert sich der gesamte Handlungsverlauf in überladenen Beschreibungen und macht es schwer, dem Geschehen zu folgen. Es ist dem Leser auch kaum möglich, irgendeine Art von Beziehung zu den Protagonisten aufzubauen und darüber Zugang zu den Geschichten zu finden. Zudem bleiben die Charaktere oft gesichtslose Schablonen, aus denen im Kopf des Lesers kein klares Bild entsteht. Die meist spärlichen Dialoge dienen selten der Formung der jeweiligen Personen, der Rest der Geschichten besteht aus Handlungsbeschreibungen und wortreichen Metaphern. Zu wenig, um zu fesseln und Interesse zu erzeugen.
Teils hübsche Ideen, stimmungsmäßig überinspiriert, handwerklich nachlässig und damit letztlich enttäuschend. Leider kein Buch, das man empfehlen kann, da rettet auch die gute Übersetzung durch Eddie Angerhuber nicht mehr viel. Hoffentlich gelingt es dem Autor, mit weiteren Werken zum einem strafferen Stil zu finden, der auch abseits von Berufs wegen dauerdeprimierter Grufties ein Publikum findet. Möglicherweise schreibt ja Houellebecq mal, dass Crisps Stil genau wie Lovecrafts keineswegs "schlecht" sei, aber selbst das würde des Rezensenten Meinung nicht ändern…
PS: Bei Interesse mal nach "An interview with Quentin S. Crisp" googeln und selbiges (das im Swifty-Blog) lesen, um einen Vorgeschmack auf seinen Stil zu bekommen.