Ein unbestrittener Meister der deutschsprachigen Phantastik ist Gustav Meyrink (1868-1932), bekannt vor allem durch den kongenial verfilmten Roman Der Golem. Hier wird er mit einer dicken Sammlung von zwölf Kurzgeschichten und Erzählungen gewürdigt, die mitunter von sehr unterschiedlicher Couleur und Wirkung sind. Verpackt ist der Band in ein sehr schönes Titelbild, leider als Paperback, aber dadurch eben auch trotz der Seitenzahl sehr preiswert.
Wer überwiegend moderne Literatur liest, mag mit dem "altmodischen", aber nichtsdestotrotz zweifellos eleganten Sprachstil Meyrinks vielleicht Probleme haben; selbst einem Lovecraftianer könnte es so ergehen. Dies wird in den "Goldmachergeschichten" (Der Mönch Laskaris, Der seltsame Gast und Die Abenteuer des Polen Sendivogius) noch dadurch verstärkt, dass sich Meyrink hier in noch weiter zurückliegenderen Epochen als der Weimarer Republik bewegt und sich in Dialogen aber auch allgemeinem Stil jenem damals üblichen Ton anpasst.
Diese Geschichten um Alchimisten, eben Goldmacher, sind auch die längsten, wahrscheinlich aber auch zwiespältigsten in der Sammlung. Zum einen gefällt zwar die Atmosphäre und bodenständige, elegante Mystik der Handlung, zum anderen plätschern sie aber auch recht ziel- und spannungslos dahin. Spätestens bei der dritten Erzählung um den Polen Sendivogius setzt dann eine gewisse Müdigkeit beim Leser ein. Alle drei Goldmachergeschichten sind meisterhaft geschrieben, mit fundiertem Hintergrundwissen und Gespür für Charaktere und Tragik, doch kann ihnen eine gewisse Weitschweifigkeit nicht ganz abgesprochen werden.
Ganz anders die Ausrichtung von Kleinoden wie Bal Macabre, Das Wachsfigurenkabinett oder Die Pflanzen des Dr. Cinderella. Sie erinnern mich in ihrer Stimmung mitunter an Ligotti (der ja auch ein Faible für doctores hat), mehr aber noch an Poe - Der Mann auf der Flasche birgt einige Reminiszenzen an Hopp-Frosch. Besonders große Schwermütigkeit zeichnet wiederum Das ganze Sein ist flammend Leid aus, vielleicht die für mich persönlich schönste Geschichte im Band.
Auch, wenn Meyrinks Werke mittlerweile im Internet mehr oder minder frei zu lesen sind und der eine oder andere "Des deutschen Spießers Wunderhorn" im Regal stehen hat (und damit den Großteil dieser Geschichten), ist dies eine wunderbare Kollektion in schöner Aufmachung, die man nicht missen sollte. Gerade Einsteiger im Bereich alter deutscher Phantastik finden hier eine schöne Auswahl zum Reinschnuppern bei einem "großen Namen" in diesem Bereich. Einzig hätte ich mir gewünscht, dass Festa (wie früher fast üblich) ein Essay oder vergleichbarer kleiner Artikel über den Autor und sein Werk vor- oder hintenanstellt. Dies hätte den Band noch perfektioniert, leider eine vertane Chance...