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Wahre Erkenntnis
Kurzgeschichten 01.06.06

von  Wolf Conradin

Noch immer hing der Geruch von Räucherkerzen und ein Hauch ihres Parfüms in der Luft und würde in dem engen hohen Raum mit seinen vollgestopften, an den Wänden hochwachsenden, überladenen Bücherborden auch nicht so schnell verfliegen, obwohl sie nun schon seit Tagen tot war.

Die schmal wirkende, nervöse junge Frau, die sich bemühte, Ordnung in den Wust von Papieren und Büchern zu bekommen, die hier überall sich aufstapelten, drehte sich angelegentlich zu ihm um und fragte, ob er ihr Freund gewesen sei.

 

"Nein", sagte er und sah sie wieder vor sich liegen, mit verrenkten, aufgerissenen Gliedern, aus denen das Blut hervorgequollen war, dem nackten, zerschnittenen Körper und den gebrochenen Augen, in dem noch tiefer Schrecken stand. Er war nicht ihr Freund gewesen, noch nicht einmal ein ihr besonders Vertrauter. Doch wäre er es gerne gewesen, so gerne, wie er die schrecklichen Phantasien los geworden wäre, die ihn seit Monaten quälten. Denn im Grunde genommen hatte er sie weder gekannt, noch hatte er jemals ihr Zimmer betreten oder überhaupt ihren Leichnam gesehen. Sie hatte sich Tage zuvor in ihrem Zimmer eingeschlossen und dann in einem Anfall selbstzerstörerischer, unerklärlicher Wut umgebracht. Man hatte sie bald darauf entdeckt, die Spuren gesichert, die Hinterlassenschaft den Verwandten übergeben und den Fall abgeschlossen.

 

Der Rest entsprang seinen Phantasien, den Phantasien eines unbefriedigten, leicht gehemmten Mannes mittleren Alters, dessen plumpe Gestalt und hoher Stirnansatz ihn unauffällig und unattraktiv machten in der großen Stadt irgendwo in Deutschland am Rhein. Die hatte ihr Gesicht und ihre Geschichte im Krieg und in den rücksichtslosen Aufbaujahren verloren, und wie ihr war es auch den Menschen ergangen, die grau zwischen den steinfarbenen, verrußten Steinwänden unter dem bedeckten Himmel dahinwimmelten oder an schneidend kalten Glasfassaden der in die Höhe schießenden Bürotürme vorbeihuschten, die mit glänzenden Spiegelbildern windzerrissener Wolken und dem mitleidlosen Blau des Himmels sich der Menschen erwehrten.

 

Und zu gerne nur wäre er ihr Freund geworden, stellte er fest, als er sich in ihrem Zimmer umsah. Denn alles, was er sah, zeigte ihm, daß sie auf der Suche gewesen war nach mehr als einem unnützen Leben in der steingrauen, geschäftigen Stadt, und es zeigte ihm, daß sie darin ebenso vergeblich gewesen war wie er. Bücher über Traumdeutungen standen da, über Hexen, farbige Taschenbücher, von mittelmäßigen Denkern verfaßt, ergötzten sich an den ungelösten Rätseln der Welt. Wenn auch Namen und Verfasser sich änderten, blieb der Inhalt gleich, denn die wirklichen Geheimnisse konnten immer wieder nur anders dargestellt, nie aber aufgeklärt werden. In Ordnern säuberlich abgelegt reihten sich esoterische und mystische Zeitschriften aneinander, andere Titel priesen alle möglichen Wege aus Lebenskrisen und Glückspfade an. Einen ganzen Schrank aber füllten Tarotspiele aus, Dutzende von ihnen. Weit verbreitete waren darunter, wie etwa das Rider - Spiel , andere, deren berüchtigte Verfasser den Karten Ruhm verschafften wie Aleister Crowleys "Buch Toth", aber auch Zigeuner-Tarots, französische Sätze aus der Renaissance, welche aus mittelalterlichen Zeiten, im Jugendstil gehaltene Blätter, aber auch welche mit Zwergen und welche mit Robotern und unendlich vielen anderen Motiven mehr.

 

"Sie muß vollkommen verrückt geworden sein," sagte die junge Frau, deren widerspenstiges Haar immer wieder zurückgestrichen wurde, als sie durch den Raum wuselte, um sich weiteren Überblick zu schaffen. "Nur die Kristallkugel und ein ausgestopftes Krokodil fehlen noch."

 

"Der Karten wegen bin ich hergekommen," erwiderte er. Sie sah ihn abschätzig an. "Ihre Zukunft kann ich ihnen auch ohne Karten vorhersagen. Aber das hätte ich mir auch gleich denken können. Sie sind ein Psycho."

 

Ihn verwunderte das nicht. Es gab genügend, die ihn und seinesgleichen verlachten, nur weil sie ihre Wurzeln über esoterische Weisheiten zu finden suchten. Wie sollte er ihr erklären, daß man mit solchen Karten gar nicht die Zukunft voraussagen könnte, sondern nur Wahrscheinlichkeiten, geboren aus der Intuition, die geweckt und gefüttert wurde durch bestimmte Bilder und uralte Symbole, die auf diesen Karten, wenn mystisch veranlagte Menschen sie erschaffen hatten, zu finden waren?

 

Aber im Grunde war er ja auch gar nicht dieser Karten wegen gekommen. Dies war nur ein Vorwand gewesen, um die flüchtige Berührung zu vertiefen, die er mit ihr gehabt hatte. Kennengelernt hatte er sie in einer Encountergruppe, die er besuchte, um die quälenden Vorstellungen von vergewaltigten und ermordeten Menschen loszuwerden, die ihn ständig und so heftig überfielen, daß er manchmal nicht wußte, ob er nicht der Täter sei und die Toten echt.

 

In den Gruppen kam man sich nahe, aber nur für Momente und die Dauer der Gruppe, und es war leicht für einen wie ihn, der schon die verschiedensten Therapiegruppen durchlaufen hatte, die Erwartungen der Therapeuten zu erfüllen, ohne im geringsten davon betroffen zu sein.

 

Sie war ihm zunächst durch die Überlänge bräunlicher Locken aufgefallen, die seine Phantasie erhitzten. Nicht grundlos mußten Frauen in islamischen Ländern Gestalt und Haare verbergen. Das zweite war ihre spitze, etwas zu lang geratene Nase, die Sehnsucht in ihren Augen und dann natürlich ihre meist kleiderlose Gezahlt, denn es waren Tantrapraktiken, die ihr Therapeut bevorzugte und offensichtlich genoß. Sie war es, die ihm sagte, daß niemand wirklich die Zukunft mit Tarot voraussagen könne. "Punkte in deinem Charakter sind es, die ich vielleicht erkenne und die daraus dann erfolgende Konsequenz deiner möglichen Handlungen. Aber viel wichtiger ist das andere, und das ist es, warum ich diese Karten liebe. Weißt du, daß sie ein Weg zur Erkenntnis und zutiefst christlich sind, in den meisten Fällen jedenfalls? Und hier, Narr, Hohepriester, der Gehängte, der Stern und wie sie alle heißen, sie erzählen eine Geschichte, nämlich die, wie ein Mensch geboren wird, in seiner Gesellschaft aufsteigt und zu Ruhm kommt, wie er verführt wird, sein Glück sinkt und er dann scheitert, um zu sterben und dann wieder aufzuerstehen, bis ihm am Ende die Weisheit des Universums, ja das ganze Universum zur Verfügung steht. Und was ist das nur für ein lohnendes Ziel." Damit hätte sie sich von ihm abgewandt, hätte er sie nicht dazu überreden können, ihm ganz persönlich einmal die Karten in aller Offenheit zu legen, denn auf Offenheit wäre er angewiesen, sagte er, während er von ihrem Haar, den sehnsüchtigen Augen und ihrem weichen Körper träumte, denn er dann zerschlagen immer wieder vor sich sah.

 

Aber darum war er hier.

 

 

Wahre Erkenntnis

 

(Zip-Archiv enthält pdf-Datei, Dateigröße: 113 kb, © 2001 Wolf Coradin)

 


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