Warum die Spielergemeinde von Cthulhu nun so lange auf dieses angekündigte Werk warten musste, hat auch seine Gründe. Am Anfang stand ja das alternative Setting Cthulhu 1000 AD aus dem ersten Sonderband der Cthuloiden Welten. Man hat nun dieses Setting nicht nur auf die kleine Zeitspanne um 1000 n. Chr. neu aufgesetzt, sondern sich zum Ziel gesetzt, gleich das ganze Mittelalter in angemessener Buchform zu präsentieren. Das dauerte natürlich seine Zeit. Jetzt aber ist es soweit, der Vorhang kann aufgehen für die „dunklen Jahre“.
Das Buch deckt den Zeitrahmen von etwa 600 bis 1600 n. Chr. ab – also 1000 Jahre in einem Band. Dass sich dieser immense Zeitraum nicht auf die 300 Seiten wirklich detailliert unterbringen lässt, ist klar. Wer wirklich detaillierte Informationen zu seinem mittelalterlichen Abenteuer in einem geschichtlich korrekten Schleswig-Holstein will, der wird um zusätzliche Buch- oder Internetrecherche nicht herumkommen. Man hat sich in dem Buch also um das Wesentliche bemüht, um die allgemeingültigen Eckpunkte, um die Betrachtung des Lebens und des Glaubens. Man findet hier das Mittelalter grob skizziert, mit plastischen Pinselstrichen, aber immer soweit genug, dass der Spielleiter einen guten Rahmen von Geschichte und Flair vorfindet. Damit schafft das Buch den Spagat vom geschichtlichen Nachschlagewerk zum nützlichen Spielerhandbuch ganz hervorragend. Nicht zuviel und nicht zuwenig, das ist der Eindruck, wenn man sich in dieses neue Quellenbuch vertieft.
Der Geschichtsteil ist untergliedert in die drei Epochen Frühmittelalter, Hochmittelalter und Spätmittelalter. Zu jedem Teil finden sich geschichtliche Daten zu den vorherrschenden Reichen (Heiliges Römisches Reich, Skandinavien, Russland, Byzanz, Britannien usw.) und eine Übersicht der jeweils herrschenden Päpste. Eine Zeitleiste mit sonstigen wichtigen oder cthuloiden Ereignissen vervollständigen diese Kapitel.
Wichtige Abschnitte für den Spielleiter finden sich in den großen Abschnitten über das Leben im Mittelalter. Die Gesellschaften, das Feudalwesen, das Rittertum, das Leben in Burgen und Dörfern, Krankheiten und Seuchen, das sind die Themen über das weltliche Leben. Im Kapitel über das geistliche Leben findet man alles über die Kirchenhierarchien, über das Mönchtum, über den Vatikan, über Hexen und Kirchenrechte.
Mystischer wird es dann in dem Kapitel über Alchemie oder über die Lebensläufe von prominenten Mystikern: Abdul Alhazred findet sich hier neben Thomas von Aquin und Nostradamus. In der Folge werden dann auch ein paar mystische Schauplätze vorgestellt.
Schließlich folgt der Regelteil. Die Erschaffung eines mittelalterlichen Charakters geht ganz einfach wie im Grundregelwerk vonstatten, nur dass einige Attribute und Fertigkeiten halt zeitangepasste Bedeutungen haben. Und es ist auch empfehlenswert, etwas mehr von seinen Punkten auf die Waffenfertigkeiten zu geben, schließlich ist das Mittelalter eine gefährliche Welt. Folglich nimmt auch das Regelkapitel über den Kampf einen größeren Raum ein, und es gibt nicht nur eine Übersicht der mittelalterlichen Waffen mit den Werten, sondern auch ein paar Kampfmanöver wie den Kampf mit zwei Waffen oder den Kampf mit dem Schild.
Sehr gelungen ist die Auflistung der mittelalterlichen Berufe, die man wählen kann – vom Ablasshändler bis zum Straßenräuber sind hier viele Spielarten abgedeckt. Und die Zufallsbegegnungstabelle im Anhang ist auch eine sehr gefällige Sache.
Nachdem man noch ein paar Gedanken zum Schrecken des Mythos und dem Stabilitätsverlust in einer Welt, wo man noch an Dämonen und Teufeln geglaubt hat, gelesen hat, kommt dann der spielerische Teil: zwei Abenteuer bieten einen unkomplizierten Einstieg in die mittelalterliche Welt. In „Die Diener der Schlange“ spielt man Wikinger in Island, die nur vordergründig in einen scheinbaren Konflikt der Christen gegen Heiden hinein gezogen werden. Das Abenteuer geht dann in die Wildnis hinaus und bietet noch reichlich Kampf und Schrecken. Mit den vorgefertigten Charakteren kann man gleich losspielen.
„Kinder der Dunkelheit“ ist das zweite Abenteuer, und es beginnt sehr klassisch auf einer Burg im Elsass. Hier sind die Spielercharaktere Gäste und werden sich schon bald recht seltsamen und aufregenden Geschehnissen gegenüber stehen. Dieses Abenteuer gefällt durch sein Spiel mit den verschiedenen NSCs in der Burg und durch deren Geheimnisse.
Den Abschluss macht ein sehr hübsch gestaltetes Charakterblatt für Cthulhu im Mittelalter, das, wie zu hören ist, demnächst auch in Farbe kostenlos zum Download bereitstehen soll bzw. möglicherweise schon hochgeladen ist, wenn Sie diese Rezension lesen. Es findet sich auf der Cthulhu-Homepage www.pegasus.de/cthulhu unter den Spielhilfen, und dort bei den Spielbögen.
Zusammenfassend betrachtet ist der Mittelalter-Band für Cthulhu ein äußerst gelungenes Quellenbuch geworden. Igoniert man den Regelteil, kann man dieses Werk für alle Rollenspiele, die in einer mittelalterlichen Welt spielen, bedenkenlos empfehlen. Das lange Werten hat sich mehr als gelohnt – ein bildschönes, unverzichtbares Quellenbuch für die dunkeln Jahre der Menschheitsgeschichte.