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Der unsichtbare Mond
Literatur 29.07.03

von  Ingo Ahrens

Dies ist nun der zweite Band aus der Mythenwelt-Reihe konzipiert von Kai Meyer, die vom Amerikaner James Owen verfasst wurde. Nach den Ereignissen in Wien und Bayreuth (siehe Rezension Band 1) bekommen wir in "Der unsichtbare Mond" nun die Folgen der in "Die ewige Bibliothek" losgetretenen Ereignisse in der amerikanischen Kleinstadt Silvertown zu spüren.

 

Nicht nur hier, auf der ganzen Welt anscheinend verwandeln sich Autos in Greife oder Mantikore, Flugzeuge in Feuer speiende Drachen, Eisenbahnen in Menschen fressende Bestien und dergleichen mehr. In diesem Chaos überleben unter anderem der "Wirre Harold" (bzw. Hjerold bzw. Herold bzw. VanHasselSieIdiot) und die Journalistin Meredith Ð Tochter von Michael Langbein, dem in Band 1 ermordeten Literaturprofessor, der ihr eine Seite aus dem entdeckten uralten Codex, der Ur-Edda geschickt hat, bevor er in Bayreuth niedergemacht wurde. Zweifellos besteht ein Zusammenhang zwischen dem Codex und dem, was in Silvertown bzw. auf der ganzen Welt gerade geschieht. Wie es scheint, hat Ragnarök begonnen Ð die Götterdämmerung...

 

Eine Mischung aus Scheibenwelt, Manga und nordischer Mythologie Ð so könnte man das kreative Chaos beschreiben, dass der Autor hier vor dem Leser entfaltet. Owen schreibt ziemlich witzig, in seiner beinahe nebensächlichen Beschreibung all der kuriosen Verwandlungen von Dingen oder Menschen in Monstren, und wie die Protagonisten damit umgehen (überraschend locker); weniger "zum Brüllen komisch", vielmehr trocken-schmunzelnd. Man liest sich vergnügt von Seite zu Seite und versucht, keinen der kleinen versteckten Hinweise auf die Geheimnisse der "Helden" zu verpassen Ð so wird der Leser schon auf Seite 1 dadurch auf die Folter gespannt, das die im weiteren Verlauf sich als Hauptperson des Romans herausstellende und eigentlich ganz sympathische Meredith augenscheinlich Kinder aus der Nachbarschaft entführt und verspeist. Aber auch das ist nur eine Folge der wirren Ereignisse, die ihr Vater mit ausgelöst hat und keine größere "Marotte", als sie die meisten anderen Personen auch haben...

 

Man merkt, dass die Geschichte der Reihe an sich noch im Aufbau ist; es wird recht wenig aufgeklärt, sondern vielmehr neue Charaktere aufgebaut, die für die kommenden Teile unzweifelhaft noch von wesentlicher Bedeutung sein dürften. Unbefriedigend für den wissbegierigen Leser ist dies dennoch nicht, hat man doch Freude an der ausufernden Fantasie des Autors, dem man anmerkt, dass er eigentlich aus dem Comic-Bereich kommt. Dies ist wahrscheinlich auch der Grund für das einzige Makel, den ich Owen ankreide möchte, auch wenn er nicht wirklich schwer wiegt: er schreibt streckenweise recht dialoglastig und vernachlässigt die übrigen szenischen Beschreibungen manchmal etwas, führt diese zu flapsig und kurz angebunden aus. Dieser knappe Comic-Stil strafft die ganze Geschichte zu ihrem Vorteil, aber die ausführlichen Dialoge bilden dazu einen etwas störenden, unruhigen Gegenpol. "Der unsichtbare Mond" macht absolut Spaß zu lesen und ist trotz des vergleichsweise hohen Preises (in Relation zu Anzahl der Seiten und Schriftgröße) eine lohnende Investition für Freunde etwas abgedrehterer Fantasy. Owen trifft genau den Stil, der die Hintergrundgeschichte interessant und mitreißend rüberbringt. Wäre jemand anderes (Kai Meyer selbst, oder ein W. Hohlbein) an das Thema herangegangen, wären diese Romane wahrscheinlich zu ernsthaft und trocken geraten Ð vielleicht nicht unbedingt schlecht, aber mit Owen hebt sich die Reihe wohltuend aus der Masse der Fantasy-Literatur heraus und macht sie zu etwas ganz Besonderem, dass man sich nicht entgehen lassen sollte. Fazit: Gelungene Fortsetzung, die einen auf dem Stuhl auf-und-ab-dopsen lässt, wie es denn nun weitergeht!


Der unsichtbare Mond
James A. Owen
Hardcover, 224 Seiten
Festa-Verlag, 18,95 EUR


Artikel zum Weiterlesen

Die ewige Bibliothek - 18.12.02


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