Eine österreichische Irrenanstalt ist der Handlungsort des nunmehr vierten Teils dieser abgedrehten Saga um Richard Wagners Nibelungen, nordische Mythologie und... tausend andere Dinge! Die Psychologin Marisa Kapelson hat sich um einige besonders skurrile Patienten zu kümmern, darunter drei Männer, die sich für atlantische Magier halten. Ein anderer behauptet, zweitausend Jahre alt zu sein und nun endlich eine Antwort auf die Frage zu haben, die ihm Jesus stellte, als er damals vom Kreuz zu ihm sprach. Ein weiterer hat kürzlich für einen mörderischen Eklat bei den Bayreuther Festspielen gesorgt, als er den Siegfried tötete - Hagen, bzw. Mikaal Gunnar-Galen, den wir aus Band 1 schon kennen. Dann ist da noch der mysteriöse wortkarge Herr Schwan und diverse blaue Hühner (manche kopflos), die grüne Eier legen. Und irgendwie hat alles mit Wagners Nibelungen-Epos zu tun, doch kommt Kriemhilds, Verzeihung, Marisas Gesprächen die Eiszeit dazwischen, die bekanntlich im Rahmen der Ereignisse der letzten Bände die Erde in einen sehr ungastlichen, von mythischen Wesen bevölkerten Ort verwandelte und das Personal in der Anstalt gefangen hält. Als dann die drei atlantischen Magier, sagen wir mal, ausser Kontrolle geraten, flüchten Marisa und ihr Chef Doktor Syntax in einen leidlich sicheren Gebäudeteil zu den genannten anderen Insassen, von denen sich Mikaal Gunnar-Galen nun gar nicht mehr für Hagen hält. Schließlich taucht ein alter Freund auf - Juda, der Verantwortliche für alles was geschieht, und er hat einiges geradezubiegen, denn die Dinge haben sich nicht so entfaltet, wie er es beabsichtigt hat und entwickeln sich nun in für ihn bedrohliche Richtungen...
Wer die vorangegangenen Teile gelesen hat, weiss schon was ihn hier erwartet - skurriler Humor und eine ausserordentlich fabulierfreudige Story mit den unglaublichsten Zusammenhängen zwischen Geschichte und Legende. Das ist nach wie vor vergnüglich und kurzweilig zu lesen, beginnt aber auch an Problemen zu leiden, die sich schleichend schon vorher angedeutet haben, aber in diesem Band besonders stark zum Tragen kommen - dem Mangel an "echter" Handlung. Im Grunde passiert in "Die verschollene Symphonie" gerade einmal so viel an aktiver Handlung, wie auf vielleicht zehn Seiten passt. Der Rest besteht aus Dialogen und Monologen der Protagonisten, einer erzählt den anderen, man diskutiert und redet und baut Stück für Stück den Hintergrund der gegenwärtigen Ereignisse zusammen. Auf diese Weise vermittelt der Autor zwar seinen ausgeklügelten, verwirrenden, aber genialen Plot, doch wäre es um einiges aufregender gewesen, wenn er dies als "echte" Geschichte geschafft hätte. So aber besteht die Geschichte schlicht aus Personen, die diese Geschichte in Dialogen erzählen, statt sie zu erleben (in weiten Teilen). Darunter leidet mitunter die Spannung und es wirkt sogar nutzlos geschwätzig. Man könnte genausogut einen ohne die Rahmenhandlung verfassten Zeitungsartikel lesen, der einem die komplexen Zusammenhänge bis ins Detail darlegt. Dieses Phänomen war wie gesagt schon in den Bänden 1-3 tendenziell zu erkennen, doch gab es in diesen wesentlich mehr Aktion und Bewegung, während dieser Roman doch an seiner Statik leidet. Er bringt das begonnene Geschehen nicht wirklich voran, sondern vermittelt nur die (notwendigen) Erläuterungen auf etwas unglückliche Weise...
Dennoch ist die von Meyer/Owen geschaffene Storyline so haarsträubend originell, dass sie bei aller Kritik fast bedingungslos zu faszinieren vermag - "fast" bedingungslos deshalb, weil wohl nicht jeder Leser mit den historischen Persönlichkeiten die hier eine wichtige Rolle spielen (Wagner, Liszt, Bruckner, Schubert, König Ludwig II. usw.) gut genug vertraut ist, um die vielen phantastischen Zusammenhänge in ihrer Bedeutung ausreichend zu würdigen.
Auch wenn dies der wohl schwächste der bisherigen Bände ist, was ausschließlich der Erzählweise anzulasten ist, tut dies der Faszination dieser einmaligen Reihe keinen wirklichen Abbruch. Allerdings muss Owen in den noch verbleibenden drei Büchern wohl darauf achten, nicht auf gleiche Weise weitere Ermüdungserscheinungen beim Leser zu provozieren. Er muss jetzt eine echte Handlung vorantreiben, statt über den ausgefeilten Hintergrund zu schwadronieren, wenn er den Leser weiter fesseln will. Talent und Handwerkszeug dafür hat er, soviel steht fest! Für "Die verschollene Symphonie" gibt es eine Empfehlung nur für Fans der "Mythenwelt"; alle anderen starten besser mit Band 1, um nicht hoffnungslos überfordert zu werden - aber das sollte sich bei einer solchen Reihe eh von selbst verstehen.