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Der getreue Wächter
Kurzgeschichten 05.02.07

~Eine lovecrafteske Katzengeschichte~

von  Martin Beckmann

...ein kleines Leben geht vorbei / und der schwarze Himmel weint...

~ Eiszeit, Terminal Choice

 

Durch die nächtlichen Kräuterwiesen, die von kräftigen Düften erfüllt unterm Sternenhimmel dalagen, führte ihn seine lautlose Wanderung. Sacht setzte Nyxor eine Samtpfote vor die andere, tippelte geschwind wie der ungenaue und flüchtige Schatten einer nocturnen Erscheinung durch die friedvolle Umgebung seiner Heimstatt bei den Connors.

 

Jedoch, unweit des kleinen, schnellen Bächleins, welches leise plätschernd hinter dem weitläufigen Garten des Connor’schen Anwesens dahinfloss, überkam ihn ein unbestimmtes, unbegründbares Gefühl von drohender Gefahr. Die sinistere Vorahnung eines unheiligen Ereignisses.

 

Verwundert blieb Nyxor stehen, setzte sich unter einen einzeln stehenden Haselnussstrauch um in die Nacht hinaus zu lauschen und glich dabei einer lebensnahen, aus schwarzem Onyx geschnittenen Statuette aus einem ägyptischen Königsgrab. Minuten zogen schweigend vorüber, doch das Gefühl war schon vergangen, wie eine späte Eisblume im unbarmherzigen Licht eines zu früh niederscheinenden Sonnenstrahls.

 

Von einer innerlichen Unruhe erfasst zog Nyxor schließlich weiter zum roten Backsteinhaus der Connors, an dessen heimeligen Kamin er nun schon zwei Winter verbracht hatte. Auf der rückwärtig gelegenen Veranda fand er eine frische Schale Milch, die ihm der 7-jährige David vor dem Schlafengehen noch rausgestellt haben musste. Dankbar erinnerte sich Nyxor an ungezählte Sommernächte, in denen er auf Davids schmaler Kinderbrust geschlafen hatte. Schluck für Schluck ran die erfrischende Milch seinen zartroten Rachen hinunter.

 

Erneut tasteten die dürren, gliedrigen Finger einer grotesken Voraussicht nach Nyxors Geist und seinen feinfühligen Sinne blieb dies abermals nicht verborgen.

 

Doch noch immer war das Gefühl zu unbestimmt. Nach wie vor nicht mehr als ein morbider Schatten ohne sichtbaren Ursprung, dem es jedoch nicht an Bedrohlichkeit mangelte.

 

Von diesen unheiligen Vorahnungen, die nicht weniger verschwommen waren als das eigene, benommene Abbild in einem stumpfen Spiegel, mit einer treibenden Rastlosigkeit erfüllt, nahm Nyxor seinen Streifzug durch den Garten wieder auf.

 

Junge Pflänzchen wilder Kräuter im niedrigen Gras zeugten von den erfolglosen Bemühungen des Mr Connor einen englischen Zierrasen heranzuzüchten.

 

Sein neuerlicher Weg führte Nyxor vorbei an den schwer duftenden Blumenbeeten, an denen Mrs Connor so hing. Vorbei an der rostigen Wasserpumpe, die seit Jahren schon kein Wasser mehr zu Tage förderte. Vorbei an der kleinen Gruppe knarrender Tannen, die sich wie spitze Raubtierzähne scharfkantig gegen den Sternenhimmel abzeichneten. Vorbei an dem schweigenden und doch vor Erinnerungen triefenden Findling, der schon lange vor dem ersten Stein des Connor’schen Anwesens zyklopisch im Schatten der verwaisten Zeder dagestanden hatte.

 

Aber auch nachdem er einige Male im Garten auf und abgewandert war, erschienen ihm die düsteren, verworrenen Vorzeichen keinen Deut klarer.

Lediglich das faulige Fallobst des alten, knorrigen Apfelbaumes in der finstersten Ecke des Gartens deutete Verfall und Schlechtigkeit an.

Nunmehr endgültig von einer tiefen Sorge ob ungewisser, jedoch zweifelsohne baldiger Ereignisse erfüllt, hob Nyxor seine Stimme zum Gesang. Melodisch schwangen sich die heidnischen Worte einer geheimen Sprache, deren Laute die Menschen seit ihren frühen Hochkulturen unverstanden begleiteten, durch die feingespinstigen Äther dieser mitternächtlichen Stunde. Schon bald erklangen aus den unterschiedlichsten Entfernungen und Richtungen andere Gesänge zur Antwort und ließen den noch jungen Nyxor teilhaben am uralten Geheimwissen seines, des Katzengeschlechtes.

 

In dieser dunklen Stunde offenbarten ihm seine Brüder in ihren unheilsschwangeren Liedern den Grund für die düsteren Visionen.

Aus den in Vergessenheit geratenen, urzeitlichen Abyssalen tief unter unserer Erde hatte sich ein begrabenes, namenloses Grauen, dessen bloße Existenz allen geltenden Regeln dieses Universums zuwiderlief und dessen amorphe Erscheinung nur als dekadent, fett und aufgedunsen sowie auf eine pervertierte Art und Weise amphibisch wirkend beschrieben werden kann, durch einen tief reichenden, verdammungswürdigen Schlund in diese obere Welt aufgemacht um den unschuldigen, ahnungslos schlummernden David Connor heimzusuchen.

 

All dieses Wissen flutete von kätzischen Stimmen getragen in Nyxors Ohren, doch blieb ihm kaum Zeit diese unerhörten Neuigkeiten zu begreifen. Viel zu rasch spürte er schon wie sich die unheilige Manifestation prähistorischer Nachtmahre auf seinen schlafenden Freund und somit auch ihn selbst zu bewegte. Aber trotz oder vielleicht auch gerade wegen seiner Jugend mangelte es Nyxor nicht an Tollkühnheit und Mut. Schweigend bezog er auf dem zyklopischen Findling Stellung, der unförmig und wie ein träger Hüne inmitten des Gartens lag.

 

Völlig gleich welche abstrakte Brut des Bösen sich bald schon aus dem im lunaren Licht um so bizarrer wirkenden Gekräusel eines unbemerkt aufgezogenen Nebels schälen würde, Nyxor würde standhaft bleiben. Gleichmäßig schlug das tapfere Herz hinter seiner kleinen, samtigen Brust während er in erhabener Position dem unvermeidlichen harrte.

Doch was dort schließlich wie ein Teil davon aus dem Nebel in seinem Angesichte wuchs, war selbst für den starken Charakter einer Katze nicht leicht zu ertragen. Der bloße Anblick dieser Wesenheit, die in jedem Aspekt ihres Seins der Schöpfung spottete, weckte unvermeidlich die schreienden Fratzen des Wahnsinns, welche sich geifernd um Nyxor drängten, und war nicht für menschliche Augen bestimmt. Die von grünlich-grauer Farbe gezeichnete Haut dieser abscheulichen Kreatur war über und über mit widerlich nässenden Pusteln und Abszessen bedeckt und der Gestank, welcher beständig von ihrem unsäglichen Leib ausging, überstieg alles Vorstellbare an Garstigkeit und Ekel.

Mit beinahe titanischer Wucht bäumte sich der Jahrtausende alte Schrecken auf und ließ keinen Zweifel an der Grausamkeit seiner Absichten.

 

Einen Augenblick lang hielt Nyxor inne, um sich dann mit wildem Fauchen auf seinen Feind zu stürzen, die scharfen Krallen in sein verpestetes Fleisch zu schlagen.

 

*

 

Es war ein unscheinbarer Morgen, an dem der Junge mit Namen David Connor aus friedlichen Träumen von fernen Ländern und weißen Städten mit prächtigen Tempeln aus Chrysoberyll und Palästen von blauem Topas unter einer fremden Sonne erwachte.

 

Es war spät im Frühjahr, die Welt grün und gut. Niemand hätte ihn auf den Schleier tiefer Trauer vorbereiten können, der ihn erwartete, als er an diesem besagten Morgen seinen treuen Freund, einen jungen Kater mit schwarzem Fell, leblos im heimischen Garten fand.

 

© 25. 10. 2006, by Martin Beckmann


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