Pegasus Spiele OnlinePegasus Spiele ShopPegasus PressPegasus Spiele GmbHRingbote - das Online MagazinPegasus MediaPegasus Spiele SupportteamPegasus Spiele Kontakt
 
 
  
 




 









 

Hörnerschall
Literatur 11.08.03

von  Ingo Ahrens

Eine Kleinod der phantastischen Literatur hat mit diesem 1952 entstandenen Roman endlich seinen Weg in den deutschen Sprachraum gefunden. Vom selben Autor erschien vor einigen Jahren bereits Der Puppenmacher in der alten Reihe "Meisterwerke der Phantastik" und bewies die außergewöhnliche literarische Klasse von John William Wall, so der bürgerliche Name hinter dem Pseudonym.

 

Hörnerschall ist im Wesentlichen der fiktive Bericht des Engländers Alan Querdilion, der einem Freund am Kaminfeuer die wahre Geschichte seiner Flucht aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager im 2. Weltkrieg erzählt - eine Geschichte wie sie unglaublicher nicht sein könnte.

 

Nach geglücktem Entkommen flieht er durch die Wälder der Umgebung, bis er fatalerweise in einen merkwürdigen Zaun läuft und von einer besonderen Strahlung ähnlich einem Stromschlag schachmatt gesetzt wird. Querdilion erwacht in einem Krankenzimmer und ist zunächst recht perplex was seine Umgebung, die freundliche aber distanzierte Krankenschwester und schließlich den umgänglichen deutschen Arzt angeht, die sich um ihn bemühen. Ihm wird schließlich offenbart, dass er sich in einer mehr oder minder privaten Institution befindet - dem Jagdsitz des Reichsforstmeisters Graf Johann von Hackelnberg, und zwar im Jahre 102 des Ersten Deutschen Jahrtausends; also für ihn viele Jahre in der Zukunft!

 

Wie er von seinem mitunter recht redseligen Arzt erfährt, hat das Reich den Krieg gewonnen und dominiert das Geschehen auf der Welt. Seine verrückte Geschichte von einer Flucht aus einem Gefangenenlager... nun, das sei wohl eine Folge seines Kontakts mit der Zaunanlage aus ãBohlenstrahlenÒ, den übrigens sonst niemand je überlebt habe...

 

Im folgenden wird Querdilion Zeuge einer dekadenten, menschenverachtenden Gesellschaft wie sie hätte werden können, hätte Nazideutschland tatsächlich den Krieg für sich entschieden. Die herrschende Schicht der Herrenmenschen klont sich Sklaven für jeden Zweck, mit den gerade benötigten Eigenschaften. Der Graf von Hackelnberg hat sich ein riesiges Stück Wald um sein Schloss herum mit diesem merkwürdigen Zaun eingrenzen lassen und darin einen Jagdparcours angelegt, in dem er und seine Gäste bestialischen Jagdgelüsten frönen - der Jagd auf Menschen.

 

Es kommt wie es kommen muss, schließlich wird auch Querdilion zum Gejagten im Revier des Grafen, und der Hörnerschall beim Ausreiten der Jäger wird zur beängstigenden Todesfanfare für ihn...

 

Sarban hält sich nicht damit auf zu erklären, warum Querdilion nun Einblicke in diese ãAlternativweltÒ beherrscht von den Nazis erhält und teil davon wird, genauso wenig, wie er schließlich seine Rückkehr in die ãrichtige WeltÒ erklärt. Dies ist auch nicht notwendig, denn Kernstück dieser stilsicher verfassten Geschichte ist seine beängstigend wahrscheinlich erscheinende Schilderung einer von Nazis beherrschten Gesellschaft mit all ihren menschenverachtenden Grausamkeiten. Wäre es so gekommen, falls...? Gott sei Dank mussten wir das nicht erfahren, aber Hörnerschall führt gnadenlos vor Augen, wie es hätte werden können. Dabei kommt der Autor ganz ohne Moralpredigten und ähnlichem aus, er lässt einfach die Dinge für sich sprechen und fesselt den Leser mit seinen bedrückenden Schilderungen und hält sich mit Wertungen zurück.

 

Was ein langweiliges politisches Buch hätte werden können, wenn man die inhaltlichen Aussagen alleine betrachtet, ist dank der sorgfältigen Prosa des Autors und seiner freiwilligen Beschränkung auf das Erzählen der Geschichte, anstatt mit erhobenen Zeigefinger zu belehren, ein Stück phantastischer Literatur von ganz besonderer Güte und eben auch Tiefgang. Gerade in unserer Zeit ein brandaktuelles Werk, das in erster Linie blendend unterhält, aber zeitgleich auch nachdenklich macht - wie dicht sind wir tatsächlich an einer solchen Zukunft vorbeigeschlittert? Und - ist diese Gegenwart wirklich besser oder wie wird sie sich noch entwickeln?

 

Fazit: Was ganz Feines für den Liebhaber des Außergewöhnlichen und in Maßen Intellektuellen. Mir persönlich gefiel Der Puppenmacher zwar besser, aber das stellt keinerlei Abwertung von Hörnerschall dar. Eine Bereicherung für jede phantastische Bibliothek!


Hörnerschall
Die Bizarre Bibliothek Band 3
Sarban
Festa-Verlag 2003
Paperback, 176 Seiten, 13,95 EUR


< zurück zu Cthuloide Welten


 
 


Ergebnisse:

Aktuelle Umfrage

Bisherige Umfragen


04.11.11
Rezension: Kingsport

„Kingsport – Alpträume im Nebel“ ist ein weiterer Band aus der Lovecraft Country Reihe, welche mit A...

> mehr

03.05.11
Rezension: Berge der Wahnsinns Bd.3

Mit „Der dunkle Turm“ geht die großangelegte Cthulhu Kampagne um die „Berge des Wahnsinns“ zu Ende. ...

> mehr

14.01.11
Rezension: Berge der Wahnsinns Bd.2

„Die geheimnisvolle Stadt“ heißt der Mittelteil der großen Kampagne um die „Berge des Wahnsinns“. Di...

> mehr

02.12.10
Rezension: Berge der Wahnsinns Bd.1

Die „Berge des Wahnsinns“ sind nicht nur eine der bekanntesten Erzählungen von H. P. Lovecraft, sond...

> mehr

23.11.10
Rezension: Wien - Dekadenz und Verfall

Wasserspeier, Friedhofsstatuen, Kirchen und Tischdeckenmuster aus den Kaffeehäusern gruppieren sich ...

> mehr

13.10.10
Cthuloide Welten #19 erschienen

132 Seiten, Softcover, 9,95 Euro.

> mehr

13.09.10
Rezension: New York - Im Schatten der Wolkenkratzer

„New York – Im Schatten der Wolkenkratzer“ erscheint in der schon gewohnt hervorragenden Aufmachung ...

> mehr

16.07.10
Zwei Rezensionen: Innsmouth satt

Sturm auf Innsmouth

Innsmouth - Küstenstadt am Teufelsriff

> mehr

18.03.10
Neue Inhalte unter Spielhilfen

Materialien für CW18 jetzt zum Download verfügbar.

> mehr

15.03.10
Vorschau: Cthuloide Welten #18

132 Seiten, Softcover, 9,95 Euro.

> mehr