Diese Kurzgeschichtensammlung von Markus K. Korb eröffnete bereits 2003 eine neue Reihe des Blitz-Verlages mit dem Titel "E. A. Poes phantastische Bibliothek", die sich auf die Fahne geschrieben hat, Geschichten und Romane die den Poeschen Motiven folgen zu veröffentlichen. Man mag anfangs die Stirn runzeln, wenn man feststellt, dass der Redakteur der Reihe eben der Autor des ersten Bandes darin ist, nämlich Markus Korb. Zweifel zerstreuen sich aber sehr schnell, ja schon bei der allerersten Geschichte offenbart sich deutlich, dass hier niemand sich eine Plattform für eigene "Machwerke" bauen wollte, ganz im Gegenteil. Markus Korb legt mit seinem "Venedig-Berlin-Zyklus" quasi einen sehr sehr hohen Qualitätsmaßstab, den andere erst noch unter Beweis stellen müssen!
Stichwort "Venedig-Berlin-Zyklus": Der Band enthält zwei Abschnitte (Venedig und Berlin) mit je vier Geschichten, die in eben jenen beiden Städten angesiedelt sind. Abgesehen von Stichworten, Namen und Orten haben die Geschichten erst einmal keinen großen inhaltlichen Zusammenhang und stehen jede für sich abgeschlossen da. Eddie Angerhuber macht in ihrem sehr informativen Anhang (hier wird wieder deutlich wie traurig es ist, dass der Festa-Verlag mit solchen Anhängen neuerdings geizt!) aber deutlich, wenn es der Leser nicht selbst bemerkt, welche übergeordneten Zusammenhänge und Verbindungsfäden es in den Motiven der einzelnen Geschichten aber gibt. Diese sind absolut nicht plump, sondern sehr fein, aber doch für jeden erkennbar und verstärken meinen gewonnenen Respekt vor diesem deutschen Ausnahmeautor. Selten habe ich einen solchen klug komponierten Zyklus lesen dürfen, der dazu bei aller Tiefsinnigkeit und Anspruch auch noch ausgezeichnet lesbar und unterhaltsam ist.
In der Tat ist Markus Korb eben dies, ein Ausnahmetalent auf dem deutschsprachigen phantastischen Literaturparkett und befindet sich dabei in ausgezeichneter Gesellschaft, wie Eddie Angerhuber, Boris Koch und Thomas Wagner. Sein Erzählstil ist präzise, mitunter knapp, aber weder fehlt etwas, noch ist etwas zuviel - keine Weitschweifigkeit oder Schwülstigkeit, dafür extrem stimmungsvolle Zeichnungen von Szenen, Personen und Orten. Gerade die Personen und was in ihnen vorgeht, der Wahnsinn, ihre Ängste, mitunter ihre Taten sind zentrale Themen in diesen Geschichten. Fast noch wichtiger sind aber die labyrinthischen Orte, in denen die Protagonisten leben oder vegetieren; mit wenigen Worten schafft es Markus Korb, den Verfall, die Fäulnis zu schildern, es herrscht bizarre Surrealität. Alles was Poe ausmacht, findet man auch in den Korbschen Visionen, aber nicht als Plagiat, sondern völlig eigenständig, in moderner Sprache, mit morbider Seele und erschauernlassendem Gefühl geschrieben. Die im Anhang erwähnte "Bewunderung", die der Autor für Thomas Ligotti empfindet (und die ich bekanntlich teile), schlägt sich zweifellos auch bei diesen immer tragisch endenden Geschichten nieder, genauso wie mit feinem Gespür lovecraftsche Referenzen platziert wurden.
Dies ist zweifellos eine Sammlung, die der Leser kaum einmal vor dem Ende aus der Hand zu legen vermag und die in Zukunft als Referenz für deutsche Phantastikliteratur eine große Bedeutung verdient. Von diesem Autor können manche populären einheimischen Bahnhofsbuchhandelsromanautoren des Genres (ich nenne keinen Namen, nein!) sich einiges abschauen - wenn sie sich trauen. Ich bin sehr gespannt, was von Markus Korb in Zukunft noch zu lesen sein wird und kann nur jedem empfehlen, sich diese Sammlung zuzulegen. Der Preis ist unverschämt günstig, die Gestaltung äußerlich sehr ansprechend, und die beeindruckenden Innenillustrationen vor jeder Geschichte fügen sich hervorragend in den Gesamtkontext des Zyklus ein. Ein absolutes Highlight, das man gelesen haben muss!