Diese Anthologie von dreizehn Geschichten um den von Lovecraft begründeten Cthulhu-Mythos ist der erste von zwei Bänden, die den Leser zu einem Streifzug durch fast 90 Jahre dieses ganz speziellen Kapitels phantastischer Literaturgeschichte einladen. Die einzelnen Erzählungen verschiedener Autoren stammen, chronologisch geordnet, aus mehreren Jahrzehnten und sind als repräsentativ für die Vielfalt des Cthulhu-Mythos zu betrachten, sowohl zum Guten wie zum Schlechten.
Den Auftakt bilden Dagon und Der Ruf des Cthulhu vom Meister H. P. Lovecraft persönlich - eine interessante Gegenüberstellung einer sehr mäßigen (erstere) und im direkten Vergleich so überraschend ausgefeilten und klugen, beunruhigenden Geschichte (zweitere). Besser kann man die stilistische und inhaltliche Verbesserung H. P.s kaum darstellen!
Demgegenüber fällt das zumeist überbewertete Die Hunde des Tindalos von Lovecrafts Freund Frank Belknap Long leider gleich wieder etwas ab; die mangelnde Sorgfalt bei der Vorbereitung des Plots in der ersten Hälfte der Story kann nicht mehr zur Gänze durch die wirklich gute und originelle Idee um die Hunde des Tindalos wettgemacht werden, die eine treffliche Addition zum Mythos darstellt und immerhin dafür ihr Lob verdient.
In eine mit dem Ruf des Cthulhu vergleichbare Atmosphäre zieht uns Robert E. Howards Der Schwarze Stein, ähnlich wie Longs Geschichte eine der bekannteren des Mythos, die nicht aus Lovecrafts Feder stammt. Sicherlich einer der Höhepunkte des Bandes!
Über August Derleth kann man sagen, was man will (meist nichts Gutes, so geht es mir zumindest), doch Der Windläufer ist eine für seine Verhältnisse überraschend gelungene kleine Erzählung, die nicht ganz so kopienhaft wirkt wie vieles seiner anderen Machwerke. Insofern eine gute Wahl, die Frank Festa hier getroffen hat.
So sehr ich Clark Ashton Smith mag, sein Ubbo-Sathla vermag mir nicht so richtig gut gefallen. Zu bemüht wirkt seine Geschichte um das Buch von Eibon und eine Reise zurück zum Anbeginn der Zeit, als das sie mich erschauern lässt - schade.
Das es besser geht, zeigt Robert Bloch in Das Grauen von den Sternen, welches ganz in Lovecraftscher Tradition steht und die bekannten Versatzstücke gekonnt einsetzt. Ähnlich, allerdings etwas weniger elegant, ist Der Schrecken von Salem von Henry Kuttner um ein Hexenhaus in ebenjener Stadt, dafür allerdings im Gegensatz zu Blochs Geschichte mit kursiven Schock-One-Liner zum Schluss. Der ist zwar nicht so ganz gelungen, geht aber in Ordnung.
D. R. Smiths Geschichte Wie Abdul Alhazred dem Wahnsinn verfiel ist eine eher schlechte als rechte Erzählung bzw. Wiedergabe eines letzten Kapitels des Necronomicon und ist glücklicherweise so kurz, dass man schnell zur nächsten gelangt und sie rasch vergisst. Ungleich geschickter ist nämlich Die Kirche in der High Street von Ramsey Campbell, der mich zwar nicht mit allem bisher Gelesenen überzeugen konnte, hier aber ein schönes Stück Mythos-Grusel abgeliefert hat.
J. G. Warners Der Titan in der Gruft ist eine kleine Überraschung für mich, eine unheimliche Erzählung spielend in New Orleans (oder vielmehr darunter), der nur der flache Schluss einen kleinen Dämpfer verpasst. Abgesehen davon ein mir bisher unbekanntes hübsches Kleinod in dieser Sammlung!
Der Tiefpunkt ebendieser folgt allerdings sogleich, leider, mit David C. Smiths Das Siegel des Kutullu, dass man wirklich nicht anders mehr als "unterste Schublade" betiteln kann. Banal, trivial, gähnend öde, aber zum Glück recht kurz.
Sehr viel mehr Platz nimmt Brian Lumleys Herr des Windes wiederum ein, und wenn ich Lumley auch sonst zwiespältig gegenüberstehe, so ist diese Erzählung ein weitestgehend gelungener Beitrag zum Cthulhu-Mythos, bei der allerdings in Sachen Umfang weniger sicherlich mehr gewesen wäre, zu Gunsten des Grusels...
Alles in allem ein gelungener Querschnitt durch die ersten 60 Jahre des Cthulhu-Mythos, mit einigen Höhen und wenigen Tiefen - ein Querschnitt eben mit allen Facetten und besonders für vergleichende Leser höchst interessant und aufschlussreich. Zusammen mit dem zweiten Band wahrscheinlich ein Pflichtkauf für Lovecraft-Anhänger, die sich damit wahrlich ein Stück Literaturgeschichte ins Regal stellen.
Der Festa-Verlag bietet die gewohnt gute Qualität mit einem stabilen Hardcover, das nur ein Lesebändchen vermissen lässt (Skandal!); das irgendwie trashige Coverbild kann nicht wirklich mit den Kreationen von Babbarammdass mithalten, passt aber zur pulpigen und nostalgischen Atmosphäre, welche die Geschichten beim Leser aufkommen lassen.
Fazit: Der Inhalt deckt sich zwar weitgehend mit dem umfangreicheren und preiswerteren Bastei-Taschenbuch "Hüter der Pforten", doch die Qualität der Übersetzung und nicht zuletzt die Gestaltung als edles Hardcover lassen mich bedenkenlos für einen Kauf dieses Bandes plädieren.