Stell dir eine Welt vor, die irgendwo zwischen Lewis Carolls "Alice im Wunderland", den Märchen der Brüder Grimm und, nun ja, den Geschichten von H.P.Lovecraft angesiedelt ist. Diese Welt kannst du in deinen Träumen betreten und verlassen - und manchmal verfolgt sie dich, auch wenn du glaubst wach zu sein. So ungefähr kannst du dir die Traumlande vorstellen, wenn du sie noch nicht kennst.
Seit ich Cthulhu spiele sind die Traumlande eines meiner absoluten Lieblingsthemen im lovecraftschen Universum. Sie eröffnen einer Cthulhu-Kampagne mehr Möglichkeiten als das übliche 20er-Setting, überraschen und verunsichern die Spieler und unterstützen die Pulp-Atmosphäre des Spiels. Zusätzlich geben sie Cthulhu eine romantische und märchenhafte Note, die ich sehr mag. Also habe ich die Neuauflage eines meiner Lieblingsquellenbücher sehnlich erwartet - die vierte, die ich miterleben darf, seit ich Cthulhu spiele.
Ein erster Blick auf das Buch lässt mein Traumlande-Herz höher schlagen: Endlich hat das Buch ein Hardcover, eine wirklich stimmungsvolle Karten zum Herausnehmen und zudem eine schöne Umschlaggestaltung. Beim ersten Blättern folgt jedoch auch der erste Dämpfer: Auf Anhieb finde ich in dem Buch nichts Neues. Selbst das Layout und die Illustrationen sind aus der vorangegangenen Auflage übernommen worden, was ärgerlich ist, denn dank der Übernahme des Pegasus-Layouts sind die Cthulhu-Bücher von Chaosium eigentlich gestalterisch schon seit Jahren ein paar Schritte weiter.
Aber vielleicht liegen die guten Neuerungen und Verbesserungen ja im Detail:
Das Buch beginnt mit einem Überblick über die Traumlande und das Träumen in Lovecrafts Universum. Die grundlegenden Konzepte, wie Spielercharaktere die Traumlande betreten und verlassen können, werden hier erklärt. Neue Fertigkeiten und Regeln werden eingeführt. Hier erfährt der Traumlande-Veteran nichts Neues - Neulige können beruhigt sein, Cthulhu bleibt auch in den Traumlanden ein einfaches Rollenspiel ohne viele Regeln. Bis dahin nichts Neues im Vergleich zur 4th Edition.
Es folgt ein Wegweiser durch die Traumlande, der viele wichtige Orte aus Lovecrafts Geschichten, aber auch anderer Autoren beschreibt. Auch hier gehen die Informationen nicht über bisherige Publikationen hinaus. Ärgerlich finde ich vor allem, dass Chaosium es nicht geschafft hat, in nunmehr 18 Jahren Publikationsgeschichte und fünf Auflagen das Kartenmaterial zu überarbeiten. Noch immer sind alle Karten von Städten schnell hingekritzelte Skizzen, die jeder Spielleiter nebenbei während einer Spielrunde schöner zeichnen kann. Es folgen ebenfalls hausbacken illustrierte Nichtspielercharaktere, die Lovecraft-Fans aus den Traumlande-Geschichten kennen, und das unausweichliche Bestiarium und Götter-Kapitel. Auch hier keine Überraschungen seit den letzten Auflagen.
Die erste erfreuliche Entdeckung, die ich mache, ist der Abenteuer-Teil des Buches: Endlich sind wieder alle Abenteuer aus den älteren Auflagen im Traumlande-Buch enthalten. Wieder werde ich jedoch beim Weiterlesen enttäuscht: Irgendwie hatte ich erwartet, dass in einer Neuauflage die Abenteuer bearbeitet werden. Aber das fehlende Kartenmaterial zum Abenteuer "Pickman's Student" ist auch diesmal nicht ergänzt worden. Dabei ist das Abenteuer sonst hervorragend und als Einstieg in die Traumlande sehr gut geeignet. Die anderen fünf Abenteuer beleuchten die Traumlande aus verschiedenen Perspektiven und geben so Einsteigern die Möglichkeit, die Traumlande in einer gewissen Vielfalt kennen zu lernen - ob als Add-On zu Cthulhu in den 20ern oder als eigenständiges Setting. Die Qualität der Abenteuer ist dabei sehr unterschiedlich und im Schnitt eher mäßig - abgesehen halt vom herausragenden "Pickman's Student".
Den Abschluss des Buches bilden die Regeln zum Erschaffen eines Traumlande-Charakters. Für mich war das schon immer ein überflüssiges Kapitel, denn jeder Cthulhu-Spielleiter dürfte dazu in der Lage sein, mit den normalen Cthulhu-Regeln auch Charaktere aus den Traumlanden zu erschaffen. Hier hat Chaosium meiner Meinung nach die Chance vertan, die Traumlande zu einem eigenständigen Rollenspiel zu machen, indem abgespeckte aber komplette Regeln im Buch abgedruckt werden. Die Traumlande sind originell genug, um gleichzeitig als Cthulhu-Erweiterung und als eigene Spielwelt zu dienen. So, wie die Traumlande hier präsentiert werden, sind sie nicht mehr als ein gelegentliches Ausflugsziel für Cthulhu-Charaktere, was meiner Meinung nach ein über 250-seitiges-35-Dollar-Buch nicht rechtfertigt. Mit einer eigenständigeren Kampagne und entsprechenden Artikeln zum Thema plus spielbarem Regelwerk hätte Chaosium ein 400-seitiges-50-Dollar-Buch produzieren können, das als komplettes Rollenspiel nicht nur Cthulhu-Spieler hätte begeistern können. Immerhin bieten die Traumlande ein Fantasy-Flair, das kein anderes Rollenspiel besitzt und somit auch Rollenspieler ansprechen kann, die Cthulhu in den 20ern nichts abgewinnen können. Deswegen ist es auch schade, dass auf das eigentlich ja bereits etablierte Dual-Stat-Formart für das d20-System verzichtet wurde.
So, wie die Traumlande hier präsentiert werden, muss leider jeder Spielleiter noch viel Arbeit investieren: Der Cthulhu-Spielleiter, der die Traumlande als gelegentlichen Farbtupfer für seine Kampagne verwenden will, ist mit "Pickman's Student" zwar zunächst gut beraten, muss jedoch für Folgeabenteuer viel Arbeit leisten. Spielleiter, die die Traumlande als eigenständige Kampagnenwelt benutzen wollen, erhalten zwar einen guten Überblick, müssen jedoch viele Details selbst ausarbeiten. Call of Cthulhu D20- und D&D-Spielleiter müssen mühsam das ganze Material konvertieren.
Und so liegt wieder einmal eine Auflage von den Traumlanden vor, die zwar hervorragend die Phantasie eines kreativen Spielleiters anregt und zu neuen Ufern führt, jedoch im Vergleich zu ihren Vorgängern leider nichts Neues bietet, geschweige denn ein neues Publikum erschließt. Auf schonunglose Weise wird offenbar: Die Traumlande sind offensichtlich kein Setting, in dem aktiv gespielt wird, sonst müsste zwangsweise in 18 Jahren Publikationsgeschichte neues Material aufgetaucht sein. In ihren ersten Auflagen waren die Traumlande revolutionär. Aber da sie sich seitdem nicht wesentlich verändert haben, bleiben sie hinter dem hohen Standard, den sie gesetzt haben, selbst zurück. Das macht mich als Cthulhu-Veteran und Traumlande-Fan sehr traurig.
Jeder Neueinsteiger erhält mit der fünften Auflage ein inspirierendes Buch, das sehr solide aber leider nicht herausragend gemacht ist. Langjährige Cthulhu-Spieler können getrost ihre alte Auflage der Traumlande behalten, wenn sie nicht gerade Sammler sind und die luxuriöse Ausstattung des Bandes genießen wollen.