In der "Bizarren Bibliothek" erscheint dieses Kleinod, ein Nachdruck der 1974er-Ausgabe des Insel-Verlags und, soviel vorweggenommen, ein Pflichtkauf für Phantastik-Leser, sofern sie keine andere Ausgabe ihr Eigen nennen.
Die Geschichte des rätselhaften Hauses "Malpertuis" wird aus zweiter Hand von einem Dieb erzählt, der eine Kassette mit Manuskripten aus einem Kloster stahl. Die Papiere wiederum stammen aus verschiedenen Federn und sind ein unheimliches, manchmal verwirrendes und unvollständiges Zeugnis gewisser okkulter Vorgänge in diesem Haus und um seine Bewohner. Eine zentrale Figur ist Jean-Jacques und, obwohl sein Tod den Beginn des Romans darstellt, sein Onkel Cassave. Dieser verfügt ein seltsames Testament, das alle bei der Eröffnung Anwesenden dazu zwingt, bis zum Tode im Haus Malpertuis zu leben - sind irgendwann nur noch zwei der Erben am Leben und handelt es sich um Mann und Frau, müssen diese heiraten. So will es der geheimnisvolle Cassave und so gehorcht man ihm - zunächst. Doch in Malpertuis geschehen gespenstische Dinge, die Jean-Jacques zunächst nicht ergründen kann. Die spätere Erfahrung jedoch sprengt alle seine Erwartungen, und auch die des Lesers, der immerhin durch die nicht von Jean-Jacques erzählenden Passagen mehr von den Hintergründen erfährt als dieser...
Jean Rays Leben (1887-1964) ist ähnlich mysteriös wie dieses wohl bekannteste seiner Werke. Für einen (relativ) zeitgenössischen Autor ist dies ein stilistisch wohl eher der Romantik vergleichbarer Roman, voller Metaphern und ausgefeilter Wortmalerei. Es ist eine echte Seltenheit, so etwas heutzutage zu lesen! Selten schafft es ein moderner phantastischer Roman, eine ähnlich schaurige, stimmungsvolle Atmosphäre zu erzeugen, die besonders in der ersten Hälfte enorm dicht ist und manches Kapitel in Gänsehaut erzeugenden Szenen enden lässt. Später lässt sie leider um einiges nach, ein Nachteil der von Ray verwendeten Erzählweise (vermittels der eingangs erwähnten verschiedenen Manuskripte und Aufzeichnungen) und der Kürzungen am ursprünglichen Manuskript, die dem Autor abgezwungen wurden. So wirkt "Malpertuis" doch streckenweise unfertig beziehungsweise als ob ganze Abschnitte ersatzlos entfernt wurden. Die Freude an diesem Kunstwerk sollte man sich davon aber nicht nehmen lassen, und auf irgendeine Weise passt dieses Fragmentarische auch zur Handlung selbst.
Wie die anderen Bände der "Bizarren Bibliothek" ist auch "Malpertuis" wohl eher etwas für den "Genießer" der Phantastischen Literatur als den "bahnhofsbuchhandlungenplündernden Massenverwerter". Ich rate dennoch jedem auch nur entfernt Interessierten dazu, sich dieses Meisterwerk auf der Zunge zergehen zu lassen.