Pegasus beweist mit dem lang erwarteten Berlin-Band, dass der Verlag mit Cthulhu Maßstäbe setzen will. Und tatsächlich ist die Abenteuersammlung Umfang und Ausstattung angeht eines der herausragenden Produkte auf dem deutschen Rollenspielmarkt. Leider ist sie aber inhaltlich nur durchschnittlich und wenig benutzerfreundlich.
"Berlin - Im Herzen der großen Stadt" ist in vier Teile gegliedert. "Golden glänzt Berlin" ist ein 28-seitiger Artikel, der in Geschichte und Geographie der Stadt in den 20-er Jahren einführt. "Der Tanzende Faun" und "Jahrhundertsommer" sind beides ca. 60-seitige Abenteuer. Auf den letzten rund 30 Seiten befinden sich Handouts in herausragender, graphischer Qualität, wie man sie sonst nirgends findet. Der beigefügte farbige, historische Plan vom Berliner Zentrum ist sehr eindrucksvoll und kann im Spiel viel zur Atmosphäre beitragen.
"Golden glänzt Berlin" ist ein hervorragend recherchierter Artikel voller Details, der selbst alten Berlinern noch eine Menge neuer Informationen über die Stadt und ihre Geschichte mitteilen kann - wenn man sich denn durch ihn hindurchquälen möchte. Leider ist nicht nur der Informationsgehalt einem Geschichtsbuch oder einem historischen Stadtführer würdig. Auch der Schreibstil dieses Abschnitts ist so trocken wie der eines wissenschaftlichen Lehrbuches
Bei der Fülle der Informationen hat man es leider versäumt, eine Übersicht oder einen Index beizufügen, sodass man den Text intensiv studieren muss, wenn man seine Inhalte ins Spiel einfließen lassen möchte. Es wurde auch versäumt, die Ortsbeschreibungen mit der Karte zu verbinden. Gerade Nicht-Berlinern dürfte deswegen eine Orientierung auf der Karte sehr schwer fallen, zumal die Straßennamen auf der Karte extrem klein gedruckt sind. Nicht einmal die Bilder, die wie üblich fast nur aus zeitgenössischen Photos bestehen, wurden mit Unterschriften versehen, sodass es selbst ich als Berliner einige Orte nicht erkenne. Leser, die nie in Berlin waren, dürften mit den Abbildungen gar nichts anfangen können.
Ähnliches gilt auch für die beiden Abenteuer des Bandes. "Der tanzende Faun" betitelt seine Einleitung mit "Ein kurzer Überblick" und liefert unter dieser Überschrift knapp fünf lange Spalten enggedruckten Textes - was ca. 2700 Wörtern entspricht!
Inhaltlich folgt das Abenteuer einem üblichen Plot für Cthulhu-Szenarien: Eine Reihe von Mordfällen führt zu einem Mysterium, dessen Kern ein Kult im italienischen Turin ist. Die Spielercharaktere geraten an die Kultisten und werden am Ende Zeugen oder Opfer einer Zeremonie, die es zu verhindern gilt.
Herausragend sind an dem Abenteuer seine Authentizität und einige Wendungen, die für Rollenspielabenteuer nicht üblich sind. So ist der Aufhänger des Abenteuers kein Unbekannter oder naher Verwandter, der an die Gruppe herantritt. Das Abenteuer entwickelt sich aus einer Liebschaft eines der Spielercharaktere, der schließlich tiefer in den Sog der Ereignisse gerät und um sein Leben fürchten muss.
Dies ist zugleich eine Stärke und eine Schwäche des Abenteuers. Einerseits kann für Spieler, die für Experimente offen sind und deren Spielleiter Talent als Erzähler und ein gutes Timing besitzt, das Abenteuer zu einem eindrucksvollen Rollenspiel-Erlebnis werden. Andererseits wird der Gruppe auch viel abverlangt, denn immerhin dreht sich der Anfang der Geschichte lange Zeit nur um einen der Charaktere und dieser hat keine großen Entscheidungsfreiheiten, sondern wird am roten Faden des Abenteuers entlang geführt.
Insgesamt ist das Szenario für seine eigentliche Substanz viel zu lang und unübersichtlich geschrieben. Es gibt keine Informationen, die übersichtlich hervorgehoben werden. Einzelne Szenen werden graphisch nicht vom Haupttext unterschieden, sodass Spielleiter gezwungen sind, sich ausführliche Notizen zu machen, wenn sie langes Suchen während des Spielens vermeiden wollen. Bodenpläne fehlen vollkommen, was einen Grund hat: Die Schauplätze sind eher generisch und spielen keine entscheidende Rolle. Trotzdem hätten ein paar Karten an entscheidenden Stellen zur Übersichtlichkeit und zur Orientierung beitragen können.
Im zweiten Abenteuer "Jahrhundertsommer", ähnelt der Plot dem vieler anderer Cthulhu-Abenteuer. Es geht um ein Geheimnis, das schließlich in den Aktivitäten eines Kultes gipfelt. Der Höhepunkt ist auch hier eine Zeremonie. Auch "Jahrhundertsommer" ist sehr gut Recherchiert und steckt voller Details. Im Gegensatz zu "Der tanzende Faun" besitzt das Abenteuer Karten der wichtigsten Schauplätze.
Die reichhaltige Handout-Sektion des Bandes bietet wahre Augenweiden, die im Spiel sehr zur Atmosphäre beitragen können und die in ihrer Qualität Maßstäbe setzen. Aber leider spiegelt sich in ihnen die Tendenz des Bandes zur Langatmigkeit wider: Sie sind sehr detailliert und ausführlich, sodass die Abenteuer für die Spieler zu Leseorgien werden können.
"Berlin - Im Herzen der großen Stadt" ist auf jeden Fall ein Band für Rollenspieler, die gerne viel lesen und die mehr Wert auf Detailgenauigkeit und Authentizität als auf Übersichtlichkeit und Spannung legen. Die Verliebtheit der Autoren in ihre Recherchen ist auf jeder Seite gegenwärtig. Wer ein gutes Gedächtnis oder viel Zeit besitzt, wird mit dem Abenteuerband sehr gut zurecht kommen. Wer spielgerecht aufgearbeitete Informationen und Abenteuerstoff sucht, wird enttäuscht sein. Die Ausstattung des Buches ist zwar einzigartig und qualitativ hochwertig, allerdings sollten man darauf achten, dass man es in zukünftigen Publikationen mit Recherche und Details nicht übertreibt und so Gefahr läuft, den Leser zu langweilen.
Erstaunlich ist die Unübersichtlichkeit des Bandes, die man von Pegasus nicht gewohnt ist. Alle anderen Cthulhu-Publikationen glänzten bislang dadurch, dass sie wesentlich schöner und übersichtlicher aufgemacht waren als ihre amerikanischen Originale. Die Kampagnenbox "In Nyarlathoteps Schatten" war ein mustergültiges Beispiel für eine riesige Informationsmenge, die spielgerecht gegliedert und einfach zu überblicken war, sodass der Spielleiter bei seinen Vorbereitungen und beim Leiten der Kampagne entlastet wurde. "Berlin - Im Herzen der großen Stadt" steht zwar im Detailreichtum der "Nyarlathotep"-Kampagne in nichts nach, ist aber bei weitem nicht so gut strukturiert.
Schließlich hätte man beim Verlag bedenken müssen, dass mit "In Nyarlathoteps Schatten" bereits eine klassische Cthulhu-Kampagne erschienen ist. Jetzt ist es an der Zeit, die Bandbreite von Cthulhu zu demonstrieren und originelle Abenteuer, mit außergewöhnlichen Hintergründen und einfallsreichen Plots zu liefern.