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Amerika
Cthulhu dt. 03.06.01

von  Frank Heller

Es ist vollbracht. Nach langer Abstinenz meldet sich Pegasus Spiele mit einer neuen Publikation für H.P. Lovecrafts Cthulhu zurück. Und zwar mit einem regelrechten Paukenschlag: Fast 200 Seiten geballte Informationen, Regeln und andere Spielhilfen, und das nicht nur beschränkt auf die USA, wie der Titel vielleicht vermuten lassen könnte.

 

Hier wurden gleich mehrere amerikanische Publikationen übersetzt (allerdings keine davon zu 100%), und um eigenes Material ergänzt alles in einem einzigen Band zusammengefaßt. Eine nie dagewesene Fülle von unverzichtbaren Spielhilfen also. Schwergewicht ist dabei Chaosiums "Investigator`s Companion", das fast vollständig in dem vorliegenden magnum opus aufgegangen ist. Jener Band kann schon allein als für den Spielleiter unverzichtbar angesehen werden. Dazu kommt ein übersetzter Artikel aus der bei Cthulhu-Spielern bekannten und beliebten amerikanischen Zeitschrift "Unspeakable Oath" (von Pagan Publishing; erscheint leider nur sporadisch), der sich mit kriminalistischen und gerichtsmedizinischen Methoden beschäftigt. Viel Raum nehmen zudem Übersetzungen der wichigsten Kapitel aus "Arkham Unveiled" und "Return to Dunwich" von Chaosium Inc. ein. Aber nein, das war es immer noch nicht! Alle diese amerikanischen Texte sind ganz offensichtlich aufmerksam durchgesehen und im Vergleich zum Original ergänzt worden. Das läßt sich an neu eingefügten Absätzen und Teilkapiteln, aber auch an winzigen Details feststellen. Ein Beispiel: Bei der Beschreibung des Browning Automatic Rifle, einem abgespeckten Maschinengewehr, findet sich der im Original nicht enthaltene Hinweis, diese Waffe sei mit Vorliebe von Bonny und Clyde benutzt worden. Aber damit noch immer nicht genug: Ein ganz neues Kapitel ist auch noch in den Amerikaband eingefügt worden: garniert mit Auszügen aus Erlebnisberichten von drei verschiedenen Amerikareisenden (ein Tourist, ein Journalist und ein Russe) und weiteren Texten wie den Bemerkungen einer in Amerika lebenden Deutschen über ihre neue Heimat wird dem Leser vermittelt, welches Flair einen Neuling in der Neuen Welt damals erwartete. Aus zeitgenössischen Reiseführern gewonnene Informationen runden das Bild von New York dabei ab.

 

 

Nun zum Detail:

 

Im ersten Kapitel findet sich ein Überblick über die "Wilden Zwanziger". Soziale Bewegungen, Film, Musik, Wirtschaft, Währung, Prohibition und Gangstertum, Sport, Mode, eine Chronologie der zwanziger Jahre. Und vieles mehr. Jeder Spielleiter, der sich nicht gerade ohnehin privat mit der Zeit intensiv auseinandersetzt, wird hier viele neue und verblüffende Informationen und Eindrücke über die Zeit erhalten.

 

Das zweite Kapitel bildet den schon erwähnten vollkommen neuen und bislang unveröffentlichten Teil. Anhand von Auszügen aus Erlebnisberichten dreier völlig verschiedener Reisender (die nicht fiktiv sind, sondern authentisch) erfährt der Leser nun von den Bedingungen auf den großen Ozeandampfern, mit denen damals fast im Viertelstundentakt neue Einwanderer New York erreichten.

 

Diese für Einwanderer wichtigste Stadt Amerikas wird im folgenden vorgestellt. Anschaulich und eindrücklich erzählt der Autor von den New Yorker Hotels verschiedenster Güteklassen, sinnvollerweise ergänzt durch eine kurze Liste von einigen ausgewählten Etablissements. In ähnlicher Weise werden Lokale und Gaststätten in der Weltstadt vorgestellt. Es wird auf die kulturellen Einrichtungen der Stadt hingewiesen, auf Transportmittel. Für gute Investigatoren dürfen natürlich besonders die Bibliotheken und Zeitungen nicht fehlen., sowie die wichtigsten Museen. Abgerundet wird der Artikel über New York mit einem siebentätigen Besichtigungsprogramm, das aus einem zeitgenössischen Reiseführer entnommen ist.

 

Der Gangsterhochburg Chicago sind weitere drei Seiten gewidmet, und darin finden sich mehr Informationen über die Stadt, als sonst bislang irgendwo in Publikationen zu finden waren.

 

Anschließend erzählt Wolfgang Schiemichen von den Menschen der Provinzen, wieder harmonisch unterlegt mit Zeitzeugenberichten. Es geht um Religiosität, Familie, das Land, den Krieg, Politik.

 

Mit einer kurzen Vorstellung der nordöstlichen amerikanischen Bundesstaaten und ihrer wichtigsten Städte wird dieser bislang unveröffentlichte Teil abgeschlossen.

 

Es folgen die wichtigsten Abschnitte aus den amerikanischen Quellenbänden über Arkham und Dunwich, d.h. eigentlich alle Informationen über diese Städte bis auf eine Beschreibung der einzelnen Häuser und ihrer Bewohner, die natürlich den Rahmen des Amerikabandes völlig gesprengt hätten. Da aber ein Spielleiter ohnehin nicht zu wissen braucht, daß Tante Martha in ihrem heruntergekommenen Bauernhof beim dritten Hügel links hinter Dunwich wohnt, findet er hier allemal alles an Wissen, was er für das Leiten eigener Abenteuer in diesen vielleicht wichtigsten Städten des "Lovecraft Country" braucht. Zumal im Regelwerk schon ein Artikel über Arkham incl. Karte der Stadt zu finden war. Kombiniert mit diesen vorliegenden ausführlichen Darstellungen hat er alles, was er sich wünschen könnte. Leider ist von Dunwich keine Karte mitabgedruckt, auch im Grundregelwerk nicht. Entweder der Spielleiter hat genug Fantasie und denkt sich hier etwas aus, oder er muß doch noch das Original erwerben ("Return to Dunwich"). Das ist seit vielen Jahren vergriffen und dürfte daher leider schwierig zu bekommen sein.

 

Kapitel 3 Spielercharaktere: Das Herzstück des "Investigator`s Companion". Für Spielleiter und Spieler eigentlich schlichtweg unverzichtbar. Und es liegt hier erstmals in deutscher Übersetzung vor! Selbst, wenn man sich als Spielleiter nicht für Amerika interessiert, weil man etwa nur eine Spielrunde hat, die in Deutschland angesiedelt ist: Allein wegen dieses Abschnittes ist der Kauf des Amerikabandes dennoch ein Muß! Hier erfährt man nicht nur sehr viel über Spielercharaktere allgemein, sondern vor allem etwas über die möglichen Berufe. Wer sich schon immer geärgert hat, daß die Figur, die er gerne spielen würde, im Grundregelwerk leider nicht aufgeführt ist? Etwa, weil er einen verschrobenen Bildhauer spielen will? Hier findet sich eine wirklich ausführliche Beschreibung von einer Unmenge von Berufen und Tätigkeiten, mit Beschreibung, Einkommen, Kontakten, berufstypischen Fertigkeiten und, ganz neu und über das Grundregelwerk hinausgehend, mit einer Auflistung von Besonderheiten des Berufes. Wer sich z.B. immer geärgert hat, daß sein Spielleiter dem Chirurgen, den er spielt, für den Anblick von aufgerissenen Leichen Stabilitätspunkte abzieht, der darf nun aufatmen: Diese Zeiten sind vorbei. Charaktere, die an solche Anblicke schon von Berufs wegen gewöhnt sind, müssen bei solchen Gelegenheiten keinen Stabilitätswurf mehr ablegen. Garniert wird die Darstellung der Berufe übrigens immer wieder durch Kästen am Rand mit historischen Persönlichkeiten, die als Muster für einen bestimmten Charaktertyp herhalten können.

 

Im vierten Kapitel geht es dann ums Recherchieren. Die neue Fertigkeit "Recherchieren" wird dazu eingeführt, und es folgt eine Erläuterung der wichtigsten Archive, Bibliotheken und Zeitungen, und das nicht nur auf Amerika beschränkt(!). Ein weiterer Abschnitt behandelt die gängigen Verkehrsmittel der Zeit. Auch eine Liste verschiedener amerikanischer, aber auch ausländischer Autos darf nicht fehlen. Einige davon werden dabei detailliert beschrieben. Ebenso Motorräder, Lastwagen und Schiffe aller Art. Um Luftreisen, Luftfahrtgesellschaften und Flugzeugtypen geht es in einem weiteren Abschnitt. Und was den Investigator wieder besonders interessieren dürfte: Ausrüstungsgegenstände verschiedenster Art werden vorgestellt, von der Taschenlampe über das Grammophon bis zum Benzinfeuerzeug. Noch mehr als den Investigator wird Spieler und Spielleiter der darauf folgende Abschnitt über Schußwaffen freuen. Während im Regelwerk weitgehend pauschal vom ".45er Revolver" die Rede war, finden sich hier nun Listen mit echten zeitgenössischen Waffen aller Art (Pistolen, Gewehre, Schrotgewehre, Automatische Waffen) und den spielrelevanten Werten dazu.

 

Das fünfte und letzte Kapitel beschäftigt sich mit Detektiven, Gesetzeshütern, amerikanischen Gesetzen, Gerichtsmedizin und dem Coroner. Hier werden viele Informationen vermittelt, über die man als Spielleiter in der Regel nicht verfügen dürfte. Für eine glaubwürdige Darstellung im Spiel ist die Kenntnis dieser Fakten für den Spielleiter eigentlich unabdingbar.

 

Kurios, aber amüsant, ist schließlich eine Auflistung verschiedener cthuloider Monstrositäten (das kennen wir schon aus dem Regelwerk), und zwar jeweils mit einer Beschreibung, wie jemand aussieht, der von diesem Wesen aus dem Leben befördert wurde (das kannten wir noch nicht). Ist nicht nur höchst amüsant zu lesen, sondern dürfte auch eine gute Inspirationsquelle für eigene Abenteuer sein. Beispiel: Die Charaktere finden einen Mann (zufälligerweise in der Nähe eines Zoos), der wie von Löwenkrallen zerfetzt ist. Im Lauf des Abenteuers stellt sich heraus, daß Bast dahintersteckt (und nicht wie vielleicht angenommen ein entlaufener Löwe).

 

 

Abschließende Bewertung:

 

Wer die gesamten amerikanische Quellen bereits besitzt, die in diesem Buch übersetzt abgedruckt sind, findet hier immerhin noch eine ganze Reihe neuer Ergänzungen und Artikel. Für ihn lohnt sicher der Kauf wohl durchaus. Wer eine oder mehrere der hier verarbeiteten Originale nicht sein Eigen nennt, für den lohnt sich der Amerikaband auf alle Fälle. Wer gar das "Investigator`s Companion" nicht besitzt, der sollte unbedingt zugreifen. Das hier vorgestellte Material ist einfach fantastisch und macht Spielern und Spielleitern das Leben viel einfacher. Und bereichert das Spiel ungemein.

 

Es gibt allerdings nicht ausschließlich Positives zu sagen, auch wenn jegliche Kritik angesichts der Menge des beeindruckenden Materials eigentlich zum Schweigen verdammt ist. Schade ist beispielsweise, daß die Preisliste für die Ausrüstung aus dem Original nicht übernommen wurde. Dafür wird man dann immerhin auf das Regelwerk zurückgreifen können. Einige der Kapitelüberschriften lassen sich schlecht in Größe und Aussehen von der übergeordneten Überschrift unterscheiden, so daß die gesamte Gliederung nicht so klar wirkt wie in den übersetzten Originalen. Es sind viele schöne und passender Bilder in den Text eingebaut. Dabei wären gelegentlich Bildunterschriften hilfreich gewesen, die aber leider fehlen. Für mehr verwirrend als klärend halte ich es, daß bei den Schußwaffen jegliches Kaliber in Millimetern angegeben ist. Der .45er Colt ist nun ein 11,43 mm Colt. Grund dafür ist laut dem Übersetzer, daß das deutsche Publikum mit den amerikanischen Kaliberangaben nichts anfangen könne. Selbst wenn dies stimmen sollte (bei Rollenspielern würde ich aber eher davon ausgehen, daß diese Aussage nicht zutrifft), hätte es vollkommen ausgereicht, in einem Extrakasten eine Umrechnung der amerikanischen Kaliber in Millimeter anzubieten. Zumal im Grundregelwerk ja die amerikanischen Kaliber stehen und daher durch eine Angabe des Kalibers allein in Millimetern eine ziemliche Verwirrung einsetzen dürfte. Übrigens wurde an den Waffendaten im Vergleich zum übersetzten Original teilweise etwas manipuliert. Alles sicherlich in einem zulässigen Rahmen, aber es soll hier auch nicht unerwähnt bleiben. Sehr schade finde ich es, daß darauf verzichtet wurde, die gesamten vorgestellten Berufe der Spielercharaktere nochmals in einer Tabelle zusammenzufassen. Denn ohne eine Tabelle verliert man bei der Vielzahl der Berufe leicht die Übersicht darüber, was es eigentlich alles gibt. Eine solche Tabelle gibt es im Original, und ich lege sie meinen Spielern beim Erschaffen neuer Charaktere immer aus, damit sie einen Überblick haben, was sie theoretisch alles spielen könnten (Raum für eigene Kreationen ist natürlich auch immer). Bei der Übersetzung der Arkham- und Dunwich - Kapitel wurde offenbar nicht immer beachtet, daß diese nicht der akuellen Auflage des Regelwerks entsprechen. Es werden hier gelegentlich Fertigkeiten wie "Rhetorik" genannt, die es in der derzeitigen Auflage des Regelwerkes gar nicht mehr gibt. Wer nicht schon seit vielen Jahren H.P. Lovecrafts Cthulhu spielt, dürfte davon etwas verwirrt sein. Ähnlich übrigens bei den Berufsfertigkeiten: hier werden die Fertigkeiten nicht immer mit ihrem Namen aus dem Grundregelwerk benannt (z.B. "Geschichte" statt "Geschichtskenntnisse"). Da hier erkennbar ist, was gemeint ist, ist dies allerdings nicht weiter wild. Für bedenklich halte ich dagegen die Einführung der neuen Fertigkeit "Recherchieren". Dies ist eine Metafertigkeit, die sich aus einem Durchschnitt der Fertigkeiten Psychologie, Überreden und Überzeugen zusammensetzt. Sie soll alle Einzelwürfe im Bereich des Recherchierens ersetzen, indem man nur einen einzigen Wurf macht. Also so eine Art "Verborgenes erkennen" für Nachforschungen ("Verborgenes erkennen" steht ja pauschal für alles, was mit vier Sinnen (außer Horchen) wahrnehmbar ist, anstatt dies nochmal aufzugliedern). Das erleichtert sicherlich die Tätigkeit des Spielleiters, der nicht zu überlegen braucht, welche Einzelwürfe vorzunehmen wären. Nur: dann können wir für andere Bereiche auch noch einige übergeordnete Begriffe finden (z.B. "Naturwissenschaften", dann brauchen wir auch nicht mehr auf Biologie, Chemie, Physik usw. zu würfeln) und spielen Cthulhu nachher nur noch mit fünf verschiedenen Fertigkeiten. Das ist natürlich übertrieben formuliert, aber auch das neue amerikanische "Keeper`s Companion" zeigt eigentlich den meiner Meinung nach richtigen Weg, indem hier eine Ausdifferenzierung von Fertigkeiten betrieben wird anstatt einer Zusammenfassung. Zuletzt: Bei der Erstellung des Bandes wurde offenbar auf eine Vielzahl von Quellen zurückgegriffen. Eine Bibliographie zwecks vertiefender Lektüre wird daher schmerzlich vermißt.

 

 

Fazit:

 

Eine großartige Zusammenstellung von Unmengen an Material, das für das Spiel im Amerika der 20er Jahre eigentlich unabdingbar ist. Dazu gesellen sich generelle Informationen über Charaktere, insbesondere was Berufe angeht, die für wirklich jede Cthulhu-Spielrunde nützlich sind und das Spiel deutlich beleben dürften. Die kleinen Kritikpunkte fallen im Schatten dieses Mammutwerkes kaum auf.

 

Ein Meilenstein für H.P. Lovecrafts Cthulhu!



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