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In Nyarlathoteps Schatten
Cthulhu dt. 06.06.01

von  Marcus Johanus

Mit dieser Box wird endgültig das Gerücht widerlegt, Cthulhu sei kein Kampagnenspiel. Um das vorliegende Material zu spielen, braucht eine Spielrunde bestimmt ein halbes Jahr, wenn nicht länger. Wenn das keine Kampagne ist?

 

Öffnet man die Box, die im Stil des Cthulhu-Regelbuches gestaltet wurde, findet man drei Bücher - ein sehr dickes und zwei dünnere. Jedes für sich besitzt ein eigenes, stabiles Cover und eine haltbare Bindung. Das erste Buch ist ein Quellenband von fast 100 Seiten. In ihm befinden sich ein Überblick über die gesamte Kampagne und Informationen zu den Schauplätzen der Kampagne: New York, London, Kairo, Kenia, Australien und Shanghai. In der Qualität des vielgelobten Amerika-Quellenbuches werden die Städte beschrieben, so daß der Spielleiter genug Informationen besitzt, um die Orte nicht nur plastisch und realistisch für seine Spieler zu gestalten, sondern um auch eigene Abenteuer in ihnen anzusiedeln.

 

Das zweite, mit ungefähr 200 Seiten dickste Band der Box, enthält das gesamte Abenteuer. In der bekannten Machart der bisherigen Pegasus-Publikationen für Cthulhu wird der Text durch Photos aufgelockert und nur durch wenige Zeichnungen und Karten ergänzt.

 

In "In Nyarlathoteps Schatten" geht es, wie der Titel bereits verrät, um Nyarlathotep, der einige Menschen manipuliert, damit sie ein Ritual durchführen, das zur totalen Sonnenfinsternis von 1926 ein Dimensionstor öffnet. Natürlich sollen durch dieses Tor Mythos-Schrecken ihren Weg zur Erde finden, um Chaos zu säen und damit Nyarlathoteps Macht zu stärken. Es versteht sich von selbst, daß es die Aufgabe der Spielercharaktere ist, das Ritual zu verhindern. Dabei gilt es zunächst, den Kultisten auf die Schliche zu kommen, um sie zu jagen und um ihnen schließlich das Handwerk zu legen. Die Story ist einfach, aber gut entwickelt. Durch den Wechsel der Schauplätze und die weltenumspannende Geschichte, kommt eine gute Portion "Indiana Jones" und "Die Mumie" ins Spiel, ohne den Bezug zum Mythos zu verlieren oder gegen die besondere Cthulhu-Atmosphäre zu verstoßen.

 

Das Abenteuer ist in sechs Kapitel unterteilt, die jeweils durch eine sehr nützliche Übersicht eröffnet werden, die darstellt, welche Handouts die Spielercharaktere im Abschnitt finden können, was ihnen diese Spur sagt und wohin sie sie führt. Somit ist die Materialfülle gut gegliedert und bleibt übersichtlich. Spielleiter werden diese Gedächtnisstütze schätzen lernen, obwohl es wegen des gewaltigen Umfangs beim Leiten des Abenteuers zu einigen Blätter- und Suchorgien kommen wird, was sich bei so langen Kampagnen nicht vermeiden läßt.

 

Das letzte Buch der Box ist "nur" ca. 60 Seiten dick und beinhaltet sämtliche Handouts des Abenteuers. Alle Handouts wurden mit Liebe zum Detail und sehr ansehnlich gestaltet. Einige imitieren altes, zerknülltes Papier und sind sehr schön anzusehen, geben allerdings schlechte Kopiervorlagen ab. Leider sind hier nicht noch einmal in geballter Form alle Karten des Abenteuers abgedruckt, so daß man sich diese entweder aus dem Abenteuer-Buch herauskopieren muß, wenn man besagte Suchorgien vermeiden will.

 

Prinzipiell drängt sich bei aller Qualität der Kampagne der Gedanke auf: Wer soll das alles lesen? 300 Seiten Informationen müssen ja vom Spielleiter nicht nur einmal quergelesen, sondern intensiv studiert werden, damit aus dem Text auch eine spannende Kampagne werden kann. Zum Glück ist das Abenteuer-Buch gut gegliedert. Man kann abschnittsweise vorgehen und muß nicht alles auf einmal lesen. Aber es ist auch nicht das Ziel dieser Box, Einwegmaterial zu liefern, das gelesen, gespielt und weggestellt wird. "In Nyarlathoteps Schatten" ist zusammen mit dem Amerika-Quellenbuch Referenzmaterial für jeden Spielleiter. Aus diesem Grund ist der 100seitige Quellenband auch separat in der Box. Er kann auch bei anderen Abenteuer helfen oder den Spielleiter zu eigenen Abenteuern inspirieren. Und da die Kampagne auf nahezu allen Kontinenten spielt, liegt mit der Box einem Spielleiter für seine Abenteuer sozusagen die Welt zu Füßen.

 

Die Kampagne selbst hat ihren guten Ruf zurecht. Über Original "The Complete Masks of Nyarlathotep" wird ja von alten Cthulhu-Spielern seit Jahren nur mit einem Leuchten in den Augen und mit vor Ehrfurcht gesenkter Stimmte gesprochen. Sie ist liebevoll gestaltet und in gibt in jeder Beziehung eine typische Cthulhu-Kampagne ab, die sich nahtlos in Lovecrafts Geschichten einpasst. Wer also klassisches Cthulhu spielen möchte, ist mit dieser Kampagne bestens bedient.

 

Der einzige Haken liegt in der epischen Breite der Geschichte. Immerhin steht das Schicksal der Welt auf dem Spiel. Wenn die Spieler versagen, kommt es zum Chaos. Die Autoren versuchen, das Abenteuer in den historischen Kontext zu rücken: Nach 1926 kam es zu Katastrophen und Kriegen, die sich durch verstärkte Mythos-Aktivitäten erklären ließen. Das kann nicht überzeugen, denn wenn die Charaktere siegen, treten die Katastrophen ja trotzdem ein, da läßt sich nicht viel dran ändern.

 

Es ist also fraglich, wie stark man "In Nyarlathoteps Schatten" in seine eigene Kampagne einbauen kann. Da die Sterblichkeit von Cthulhu-Charakteren jedoch sehr hoch ist und längere Kampagnen über Jahre hinweg eher selten sind, wird das nur in seltenen Fällen zu einem Problem.

 

Das Preis-Leistungsverhältnis ist gut - auch wenn fast 90 Mark ein starker Happen sind. Man bekommt etwas für sein Geld geboten und der Spielwert der Box übertrifft den reinen Materialwert bei weitem. Die Box selbst ist nicht nur schön - sie ist auch ideal zum Aufbewahren der vielen, vielen Handouts und Notizen, die im Laufe der Zeit beim Spielen des Inhalts anfallen werden.



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