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Secrets of Japan
Cthulhu engl. 13.10.05

von  Steffen Köhn

Mit „Secrets of Japan“ hat Chaosium, daran lässt schon ein oberflächlicher Blick auf das Buch keinen Zweifel, Großes vor. Der mit 360 Seiten telefonbuchdicke Band soll nur den Grundstein legen für eine Serie von Veröffentlichungen, die sich mit den Machenschaften des Mythos im heutigen Japan befassen und somit langfristig ein alternatives Setting bieten zum schon ausführlich beschriebenen ´Lovecraft County`.

 

Zunächst zu den Äußerlichkeiten: man hat es sich in Hayward nicht nehmen lassen, der neuen Reihe ein gänzlich neues Seitenlayout zu verpassen. Das beliebte Pegasus-Layout ist einem Neuentwurf gewichen, der im Satz sehr an die schlichten älteren Publikationen erinnert, jedoch mit kalligraphisch anmutenden Fonts aufgepeppt ist. Die Illustrationen fallen stilistisch eher heterogen aus und bemühen sich, kein visuelles Klischee auszulassen: von Manga-Style über computergenerierte Bilder bis zu Tuschezeichnungen ist alles dabei was man mit japanischer Zeichenkunst so verbindet. Besonders irritierend sind dabei Jason Chans nicht wirklich lustige Comicstrips, die sehr an die Abbildungen aus Sprachlehrbüchern erinnern. Ein einheitlicher Stil wäre hier sicherlich angenehmer gewesen. Andererseits wollen gerade auch die Quellentexte eine Vielzahl von Spielstilen im neuen Setting ermöglichen. Eine Martial-Arts-beeinflusste Kampagne ist ebenso möglich wie ein Yakuza-Spiel und ein eigener Abschnitt widmet sich gar dem „Call of Cthulhu, Anime-Style“, wo natürlich auch ausführlich auf das auffallend häufige Vorkommen von Tentakeln in vielen der Zeichentrickfilme eingegangen wird. Es bieten sich also zahlreiche Möglichkeiten, das Spiel in Japan atmosphärisch auch abseits des klassischen Lovecraftschen Horrors zu gestalten.

 

Zunächst aber zum groben Aufbau des Buches. Die Datenflut ist gegliedert in fünf große Kapitel, sogenannte „Scrolls“. Der erste Block gibt dabei einen Einblick in die Atmosphäre des Settings. Dabei werden auf sehr gelungene Weise landeskundliche Informationen vermittelt und auch alle spielrelevanten Fragen geklärt: von Etikette und philosophischen Vorstellungen bis zu profanem wie Transport und Währung. Neben diesen sehr unterhaltsam und im Plauderton vermittelten ´Hard Facts` geht es natürlich auch um alle ´klischeeigen` Aspekte, die man in einem solchen Setting erwartet: Die japanische Kampfkunst wird dabei nicht nur beschrieben, sondern auch gleich auf meiner Meinung nach recht gelungene Weise in das simple Cthulhu-Regelsystem eingewoben.

 

Das zweite Kapitel ist dann der Magie gewidmet. Japanische Mythosbücher, die sich teilweise doch sehr von ihren westlichen Varianten unterscheiden, werden ebenso vorgestellt wie neue Zaubersprüche, die jeweils den einzelnen religiösen Glaubenssystemen (Buddhismus, Shinto, Taoismus) zugeordnet sind. Der dritte Unterabschnitt stellt dann noch magische Gegenstände vor, deren Beschreibung oft für den einen oder anderen Abenteueraufhänger gut ist. Dem ganzen Kapitel ist anzumerken, wie sorgfältig und gelungen hier japanische Religion und Cthulhu-Mythos verwoben wurden.

 

Kapitel drei, ´People` überschrieben, behandelt wichtige japanische Organisationen und Einflussgruppen auf beiden Seiten der Front. Institutionen, denen die Spielercharaktere angehören können wie Polizei und Geheimdienst, werden ebenso vorgestellt, wie die ambivalente Yakuza und eine Vielzahl dunkler Geheimkulte, von denen einige (wie etwa der Black Lotus) ja auch schon aus anderen Publikationen bekannt sind. Abgeschlossen wird dieses Kapitel durch eine Ansammlung wichtiger NSCs, die den Charakteren als Freunde und Feinde dienen können. Auch hier freut man sich als Spielleiter schon sehr darauf, seinen Spielern diese Persönlichkeiten darstellen zu dürfen.

 

Das darauf folgende Kapitel vier beschreibt dann den kosmologischen Überbau des Settings. Hier weicht das neue Setting naturgemäß am stärksten von den bisherigen Publikationen ab, doch können die hier beschriebenen ´sechs Reiche` umstandslos etwa als asiatische Variante der Traumlande behandelt werden. In die Beschreibung eingebettet sind neue Gottheiten und Dienerrassen, die bis auf wenige Ausnahmen gut mit dem bisherigen Spielmaterial harmonieren. Für klassische Gestalten wie Geister, Vampire und Untote gibt es natürlich japanische Äquivalente und auch viele bekannte Mythosentitäten sind hier in einer bislang unbekannten Erscheinungsform beschrieben. Sollten die Spieler etwa einmal einem völlig in glänzend schwarze Panzerung gehüllten Samurai begegnen, so handelt es sich dabei um keinen geringeren als… na ja, das sollte doch besser jeder selbst herausfinden.

Das letzte Kapitel liefert schließlich noch drei Szenarios unterschiedlicher Qualität. Eher knapp in ihren Beschreibungen liefern sie zumindest für neue Charaktere erstes Abenteuerfutter, die wirklichen Finessen des neuen Settings bleiben aber unausgereizt. Interessanter sind da schon die folgenden ´Scenario-Seeds` in denen teilweise wirklich sehr originelle Ideen stecken. Als wäre das alles noch nicht genug, präsentiert der letzte Abschnitt noch historische Szenariohintergründe, sehr kurz gehalten, dafür aber mit sinnvollen Lektüreempfehlungen. Der Appendix schließlich bietet neben Glossar und Timeline auch einen kleinen Einblick in die anderen Länder des Ostens, vielleicht als Vorgeschmack für weitere Publikationen entlang der Länder der Seidenstrasse. Die Universität von Tokio wird dann noch, als Ersatz für die nun doch etwas entfernte Miscatonic University, ausführlicher beschrieben und ist sicher im Spiel ein erster guter Anlaufpunkt.

 

Fazit: Secrets of Japan ist ein unglaublich detailliert ausgearbeiteter Hintergrund, wobei der Autor durch profunde Landeskenntnis und eine sehr gelungene Übertragung asiatischer Mythen auf den Cthulhu-Mythos überzeugt. Der Band enthält alles, um die Spieler einmal ans andere Ende der Welt zu führen und sie mit völlig anderen Schrecken zu konfrontieren. Der Spielleiter sollte jedoch angesichts der Materialfülle mit einem großen Arbeitsaufwand rechnen. Das Setting wird ihn jedoch sicher so gefangen nehmen, dass er die zahllosen weiterführenden Literaturhinweise gerne annehmen wird.



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