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Call of Cthulhu: Dark Corners of the Earth (Spiel für PC und X-Box)
Sonstiges 27.06.06

Call of Cthulhu-Computerspiele standen in den letzten 15 Jahren nicht immer unter einem guten Stern – man denke etwa das Spiel Necronomicon - Die Dämmerung der Dunkelheit, dessen Name und Design weit gruseliger war als das eigentliche Spiel.

von  Jens Kaufmann

Zu den Sternstunden cthuloider PC-Unterhaltung gehörten bislang drei Spiele, welche die Firma Infogrames Mitte der 90er Jahre auf den Markt brachte: dies waren der bahnbrechende erste Teil von Alone in the Dark, sowie die beiden atmosphärisch großartigen Action-Adventure Shadow of the Comet und Prisoner of Ice.

Nach dem letzteren Spiel herrschte dann lange Zeit Funkstille, was neue Cthulhu-Spiele anging – ein geplantes Delta Green-Spiel wurde leider schnell wieder auf Eis gelegt. Ab 2001 werkelte die kleine Softwareschmiede Fishtank jahrelang an einem Cthulhu-Adventure mit dem Namen Dark Corners of the Earth, welches nur der Anfang einer Serie von Cthulhu-Spielen werden sollte. Der Veröffentlichungstermin verzögerte sich um Jahre und schließlich ging dann Fishtank auch endgültig mit den Wesen aus der Tiefe schnorcheln – gewundert hat dies keinen mehr und es sah so aus, als ob Konsolen und Festplatten auch in den kommenden Jahren lovecraftfrei bleiben würden.

 

Allerdings kam es dann doch anders: mit der leider auch nur kurzlebigen Firma Headfirst fand sich für Dark Corners ein neuer Entwickler & Ende 2005 kam das Spiel dann endlich für die X-Box heraus – die praktisch identische PC-Version erschien einige Monate später. Hat sich das lange Warten nun gelohnt? Schauen wir uns das Spiel einfach mal näher an:

 

Was die Grafik angeht, so hatte der Rezensent angesichts des langen Entwicklungszeitraums noch beim Installieren des Spiels einen leicht flauen Magen – immerhin konnte man dafür hoffen, dass das Spiel auch auf einem Uraltrechner flüssig laufen würde. Tatsächlich ist die Spielgrafik zwar auf dem Stand von 2002, aber dennoch ansprechend und sorgt zusammen mit den exzellenten Soundeffekten für eine wohlig düstere 20er Jahre Atmosphäre. Im Gegensatz zu anderen Horrorspielen wie jenen aus der Resident Evil-Reihe ist die Atmosphäre sogar ausgesprochen cthuloid. Die Designer - unter ihnen Rollenspielveteran Graeme Davis (Ex-Games Workshop/TSR) – verzichteten ganz auf billige Schockeffekte und setzten stattdessen auf subtilen, beunruhigenden Schrecken. Als kleinen Geniestreich kann man diesbezüglich die spielerische Umsetzung des Verlustes von geistiger Stabilität bezeichnen. Ähnlich wie in handelsüblichen „Ego-Shootern“ spielt man Dark Corners aus der Perspektive des Protagonisten (hier der Detektiv Jack Walters - ein Verwandter von Harvey…?). Verliert Walters im Laufe des Spiels geistige Stabilität (etwa durch Leichenfunde oder die Begegnung mit Monstern - eben wie im Rollenspiel), so wird seine Wahrnehmung immer mehr in Mitleidenschaft gezogen. Sein Herz beginnt immer lauter zu pochen, seine Sicht verschwimmt, er beginnt Stimmen zu hören und leidet zunehmend unter Halluzinationen. Gönnt der Spieler seinem Alter Ego in solchen Momenten keine Ruhepause, so kann es sogar passieren, dass der gequälte Walters sich mit seiner Waffe (falls er eine dabei hat) selbst tötet.

 

Im Gegensatz zu den „First-Person“-Shootern wird die Identifikation mit der Hauptfigur durch das unsichtbare Interface noch gesteigert. So fehlt hier etwa der obligatorische Schadensanzeiger ebenso wie das unnötige Fadenkreuz – geschossen wird im Spiel nebenbei ebenso selten wie im Rollenspiel, wobei man lange Zeit ohnehin ganz ohne Waffe unterwegs ist. Ähnlich wie in jüngeren Ego-Shootern (etwa Call of Duty 2) „erlebt“ man hier die Verletzungen des Protagonisten direkt im Spiel und kann deren Schwere durch die Auswirkungen auf das Spiel interpretieren – so verschwindet durch stetigen Blutverlust langsam die Farbe vom Bildschirm, während mehrere leichte Treffer Walters Bewegungen zunehmend langsamer werden lassen. Um Wunden oder Vergiftungen zu heilen, muss man diese wie im echten Abenteurerleben verbinden, schienen, zunähen, bzw. Gegenmittel schlucken. Im Kampf ist dies natürlich nicht möglich, was in einigen Situationen zu taktischer Planung nötigt – zum Ausgleich bewegt sich dafür die KI der Gegner eher auf Shoggoth-Niveau.

 

Die Handlung des Spiels wurde geschickt aus zweien von Lovecrafts populärsten und besten Geschichten (bzw. Novellen) zusammengeschustert: „The Shadow Over Innsmouth" und "The Shadow out of Time". Zu Beginn gibt es einen kleinen Prolog aus dem Jahr 1915, worin Jack Walters einem seltsamen Kult begegnet und seine ersten Mythos-Erfahrungen machen darf, die ihn dann auch geradewegs in das Arkham Asylum befördern. Sieben Jahre später verschlägt ihn dann die Suche nach einer vermissten Person in die Stadt Innsmouth. Psychisch angeknackst und unter Gedächtnisverlust leidend, muss Walters schnell feststellen, dass in der zerfallenden, düstern Stadt so einiges faul ist und bald überschlagen sich schließlich die Ereignisse.

 

Dark Corners of the World ist schlicht und ergreifend ist das bisher beste Cthulhu-Computerspiel und vermittelt dabei eine tatsächlich 100%ige Lovecraft-Atmosphäre. Nie zuvor wurde das typische Call of Cthulhu-Spielgefühl so gut einfangen, wie in diesem Spiel, in dem man sich vorsichtig und mythosbuchlesend durch eine solch verängstigende Welt schlägt, dass empfindsamere Spielernaturen besser ihre Abende nicht allein vor dem Monitor verbringen sollten.

 

Andererseits gibt es auch noch einige Schwachpunkte, die man hier nicht verschweigen darf: zum einen nerven die unsäglichen Speicherpunkte – im Gegensatz zu den meisten anderen PC-Spielen darf man bei Dark Corners nur an bestimmten Punkten im Spiel speichern (erkennbar durch ein Älteres Zeichen an der Wand); dies ist umso ärgerlicher, da man die teilweise endlos langen Zwischensequenzen nicht abbrechen kann und dadurch an einigen Stellen in den zweifelhaften Genuss kommt, sich eine minutenlange Sequenz mehrfach anschauen zu müssen. Zudem stammen einige der Rätsel im Spiel aus der uralten und eigentlich schon lange verbotenen „Trial & Error“-Mottenkiste. Gekoppelt mit der miesen Speicherfunktion kann dies bei sensibleren Gemütern zu rapidem Verlust von geistiger Stabilität führen – der Rezensent empfiehlt in solchen Fällen die Nutzung einer Komplettlösung aus dem Internet, um über anscheinend unüberwindbare Hürden zu kommen.

 

Zum Ausgleich ist das Spiel dafür bereits zum Budgetpreis von knapp 30 Euro veröffentlicht worden, was trotz der erwähnten Mängel ein Angebot ist, welches man als Call of Cthulhu-Freund eigentlich nicht ablehnen kann.


Call of Cthulhu – Dark Corners of the Earth
von Ubisoft ; Entwickler: Headfirst
Plattform: Windows 2000 / XP
Preis: 29,95 Euro
empf. ab PIII 800Mhz, 256 MB RAM, Grafikkarte mit min. 128 MB Video RAM, 2 GB Festplatte; Sprache: Englisch mit möglichen Untertiteln (die deutschen Untertitel sind allerdings grauenvoll)

Links:

Headfirst Productions

Ubisoft



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