Jetzt bedienen wir mal die Klischees des Genres:
„Sie stieg in seinem Kuss auf wie ein Taucher, der endlich an die Luft kommt, wie ein Krokus, der bei der ersten Frühlingswärme die Schneedecke durchbricht.“
Noch da? Achtung:
„Sie schloss die Arme fest um ihn, als ihre Wonne so laut in ihr widerhallte, dass es fast die Grenzen ihrer Sinne sprengte. Seine glühende Sanftheit rief eine Erfüllung hervor, die vollständiger war als alles, wie sie zuvor gekannt hatte, und wie ein Phönix stieg die ganze Kraft ihrer Liebe aus der Asche ihres Kummers, und sie wurde neu geboren.“
Starker Tobak, nicht wahr? Splatterpunk ist nichts dagegen! Wer jetzt noch mitliest, ist entweder hart gesotten oder ein Schnuckelgruft - oder findet’s irgendwie lustig. Ist es auch, aber das hier ist eine Rezension und da sollen ein paar harte Fakten nicht fehlen - zur Geschichte des Romans:
Nach „Hotel Transsylvania“ geht es mit den Erlebnissen von Yarbros „Helden“, dem Vampir St. Germaine (oder San Germano etc. pp.) weiter, diesmal Ende des 15. Jahrhunderts in Florenz. San Germano lässt sich einen famosen Palast bauen und geht dort seinen alchimistischen Künsten nach (Venedig oder Wien scheinen dafür nicht mehr gut genug zu sein, und wer weiß, wo er sonst noch Paläste hat...). Die Stadt jedoch versinkt im religiösen Chaos, das von einem fanatischen Prediger herrührt, der alles Schöne und Luxuriöse verdammt und den Leuten mit beeindruckender Überzeugungskraft ihre schreckliche Sündhaftigkeit vorhält. Auch San Germano zieht bald die Wut der neuen kirchlichen Mächte in der Stadt auf sich und muss sich schließlich zurückziehen. Um eine Freundin und Schülerin vor dem Scheiterhaufen zu retten, muss er jedoch noch einmal zurück nach Florenz - am Ende muss er sich fragen, ob er mit dieser Rettung die richtige Entscheidung getroffen hat...
Was haben wir hier also - einen Liebes-Schmacht-Schinken mit starken Helden in Rüschenhemden und vollbusigen, hochgeschnürten, willigen Damen, gewürzt mit der herzzerreißend selbstzweiflerischen Seelenpein eines jahrtausendealten Vampirs? So in etwa... aber nicht ganz so schlimm, wie es vielleicht klingt. In erster Linie ist dies ein historischer Roman, und als solcher betrachtet funktioniert er auch ziemlich gut - der Rezensent wusste bisher recht wenig über die Medici und das Florenz jener Zeit. Natürlich hat sich die Autorin hier viel gestalterische Freiheit genommen, ein Geschichtsbuch ist dies sicher nicht. Dennoch gefällt die Mischung aus Fantasie und Historie überaus gut und würde auch funktionieren, wenn San Germano nun kein Vampir wäre (naja, von dem Ende wohl mal abgesehen). Die eingangs zitierten Schwülstigkeiten sind äußerst selten und tauchen erst spät auf; um so deutlicher fallen sie aber auf. Fast scheint es, als wären sie gezwungenermaßen eingefügt worden, um ein ganz bestimmtes Klientel oder Klischee zu bedienen. Das sollte aber nicht stören und ist eher amüsant als nervig. Insgesamt war dieses Buch recht interessant zu lesen und der günstige Preis für diesen umfangreichen Schmöker ist durchaus fair. Genrefans könnte er etwas zu blutarm sein, echte Historienfreaks mögen die Nase rümpfen ob der fantastischen Einschläge - wer einem gesunden Mix nicht abgeneigt ist, dürfte aber zufrieden sein und wird sich gut unterhalten. Dass eine „echte“ Geschichte und Entwicklung des Hauptprotagonisten fehlt, sollte man geflissentlich übersehen...