In der Reihe "Spektrum der Phantasten" ist nun beim Festa-Verlag die lang ersehnte Biographie des "Meisters des modernen Horror" erschienen, ungekürzt und in einer edlen Hardcover-Ausgabe, zu einem ebenso "edlen", aber durchaus angemessenen Preis.
Biographien haben bei manchen den Ruf, eher trocken und langweilig das Leben jener Person herunterzubeten und sich entweder in fragwürdigen pseudopsychologischen Interpretationen von persönlichen Eigenheiten zu verlieren, oder in eine Lobhudelei der "ganz außerordentlich interessanten und wichtigen Persönlichkeit" auszuarten. De Camp fällt weder in das eine noch das andere dieser Extreme bei seiner Beschreibung der Lebensstationen und Ansichten Lovecrafts.
Dennoch wirkt die Lektüre mit der Zeit doch ein wenig ermüdend, wenn er, zwar eine Zeitlinie von Geburt bis Tod chronologisch einhaltend, dann doch immer wieder zwischen den Jahren hin und her springt, während er sich einzelnen Themen der Persönlichkeit und des Schaffens H. P. Lovecrafts widmet. So manches Mal verliert man als Leser dann auch mal den Faden. Allerdings sind derartige Sprünge und Konzentrationen auf Schwerpunkte in einer Biographie wohl zwangsläufig notwendig, um Entwicklungen darzustellen, und insofern unvermeidbar.
Der Leser erhält tiefe Einblicke in die Person H. P. Lovecrafts, dokumentiert vor allem durch eigene Aussagen in Briefen und Anmerkungen seiner Zeitgenossen und Freunde. Wer hat schon vorher gewusst, welch starke ausländerfeindliche Aussagen HPL in frühen Jahren von sich gab? Um so bemerkenswerter, wie er dann später von diesen Meinungen abrückte und Verfehlungen eingestand.
Manches Mal fasst man sich an den Kopf wenn man beim Lesen merkt, welche Chancen dieser Gentleman in seinem Leben verschenkt hat, in vielerlei Hinsicht. Vor allem seine altertümlichen Wertvorstellungen und Benehmen waren ihm oft genug ein Hindernis, dazu seine Tiefstapelei bei Betrachtung seiner eigenen Werke. Seine Geschichten spielen natürlich auch in der Biographie eine große Rolle und werden zitiert und von de Camp beurteilt. Wenn man sich seinem Urteil vielleicht nicht immer anschließen mag, so ist es doch faszinierend zu verfolgen, wie sich Lovecrafts Stil und Themen wandelten und stetig verbesserten. Hätte er nur mehr eigene Geschichten verfasst, statt sich die meiste Zeit mit Revisionen und Überarbeitungen aufzuhalten!
Mich hat diese Biographie in vielen Punkten überrascht, wenn man auch nicht sagen kann, das Lovecrafts Leben übermäßig aufregend war, aber doch voller interessanter Wendungen. Er war ein überaus skurriler Charakter mit vielen Facetten, positiven und negativen natürlich, und von manchen habe ich erst in diesem Buch so ausführlich oder gar das erste Mal gelesen. Man erfährt viel mehr als beispielsweise in "Der Einsiedler von Providence" (Suhrkamp) über den "Außenseiter", für den er sich hielt und zu dem er sich manchmal auch erst machte.
Gewiss ist dieses Buch nicht in dem Sinne "spannend", wie es Lovecrafts Geschichten sind, aber es ist kompetent, weitgehend unterhaltsam und mit einem feinen Humor geschrieben. Wer Interesse hat, einen Blick hinter seine Stories auf die Person zu werfen, die sie ersonnen hat, wird mit de Camps Biographie nicht enttäuscht werden. Was die Person Lovecrafts angeht, ein echtes Standardwerk, das ins Bücherregal eines jeden Fans gehört. Nur die ganz extremen Fans, die diesen Autor geradezu glorifizieren, werden das Buch möglicherweise ernüchtert beiseite legen, wenn sie merken, dass H. P. Lovecraft auch nur eins war - ein Mensch mit Schrullen und Macken, und nicht der unfehlbare göttliche Prophet des Horrors in der Prosa, für den sie ihn halten mögen.