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Hotel Transylvania
Literatur 17.05.03

von  Ingo Ahrens

Über diesen Roman soll Michael Moorcock (Elric) gemäß Klappentext gesagt haben "Ein dämonischer Liebhaber, den jeder mit weit geöffneten Venen willkommen heißen würde!" Nehmen wir das mal als Vorschusskredit mit in die Betrachtung der Handlung des Buches:

 

Saint-Germain ist nur einer von vielen Namen jenes Vampirs, dessen ewigen (?) Leben sich diese Romanreihe widmet. Zur Zeit Louis XV. lernt ihn unter diesem Namen die junge Adligentochter Madelaine kennen und verfällt seinem geheimnisvollen Wesen, wie er auch er ihrer Lieblichkeit und Intelligenz. Doch das heimliche Glück leidet unter der düsteren Vergangenheit von Madeleines Vater, der einst einem fiesen Satanskult seinen Erstgeborenen versprach - eben Madelaine... Grade jetzt verlangt dieser fürchterliche Rituale durchführende Zirkel diese Schuld ein und entführt die junge Dame, aber da ist ja noch Saint-Germaine, der mit dem Oberhaupt der Satansgläubigen ohnehin noch eine Fledermaus zu rupfen hat.

 

Ob es reicht zu sagen, "Das beste an diesem Buch ist, dass ich damit endlich durch bin"? Na gut, dann halt etwas spezifischer... ausserdem drohen am Horizont ja noch weitere Teile dieser "Saga" *seufz*...

 

"Hotel Transylvania" kann weder handwerklich noch inhaltlich überzeugen. Die ersten drei Viertel sind fast völlig überflüssiges Blabla; zig-seitenweise Szenen auf Parties der Adligen mit langatmigen Beschreibungen, was die jeweils beteiligten Personen denn grad so für Klamotten tragen (und vor allem in welcher Farbe) sowie affektiertes, sicherlich historisch absolut korrektes höfisches Geplapper. Dazwischen, leider viel zu selten, mal Saint-Germaines hintergründige Aktivitäten mit einer geheimen Alchimistentruppe, deren Sinn im Verlaufe des Romans nicht mal hinreichend erklärt wird (jaja, ist 'ne Saga, "das kommt sicher noch" *seufz*).

 

Deutlich erkennbar schreibt sich die Autorin auf einzelne "Gipfel" in der "Handlung" hin, die für dieses Subgenre ("historisch angehauchter Vampirroman mit junger Dame die geil ist auf den coolen, aber irgendwie tragisch-melancholischen Vampir") wohl typisch sind. Die "erotischen" Aufeinandertreffen von Saint-Germaine und Madeleine lesen sich dann ganz zielgruppengerecht (?) wie eine Mischung aus Barbara Cartland und John Sinclair, mit all den Adjektiven die man da so im Repertoire hat (wollüstig, begierig, sich-entgegen-stemmend usw.)... Von Raffinesse leider keine Spur.

 

Die Mängel in den Charakterzeichnungen sorgen ebenso für Verdruss. Charaktertiefe bei Saint-Germaine erschöpft sich in gelegentlichen spöttischen Anmerkungen und Anspielungen auf ihm dank seines Vampirdaseins vor Jahrhunderten oder -tausenden persönlich bekannten historischen Persönlichlichkeiten etc. Es wird weder klar, warum er sich so für Madeleine begeistert, noch warum sie ausgerechnet so scharf darauf ist, sich von ihm Anknabbern zu lassen (was am Ende sowieso ganz anders abläuft). Anderes Beispiel: Da liegt Madeleine gefesselt und nackig in einem düsteren Keller, vor Augen vierzig Tage Schändung, Folter und schließlich grausiger Tod durch die Satanisten, grade wurde ihrem Vater mit einem eisernen Kessel der Kopf zermanscht; der tapfere Recke Saint-Germaine ist inzwischen da und räumt ein wenig unter den Fieslingen auf, von denen einer schreit, er wolle den Eindringling mit einer Fackel in Brand setzen. Das hörend "(...) zerriss es ihr fast das Herz, das er nun auf so dumme Weise sterben sollte." Bitte? Andere Sorgen hast du nicht, Kindchen? Dann ist ja gut.

 

Eigentlich merkt man eh zu keiner Zeit, dass es sich bei Saint-Germaine um einen Vampir handelt. Heilige Symbole können ihm nichts anhaben (sind aber offensichtlich schier tödlich für den Ober-Satanisten), Sonnenlicht erträgt und fließendes Gewässer überquert er dank Sand aus der Heimat in den Schuhen (hossa!), und das mit dem Blut trinken scheint auch nicht ganz so häufig zu sein wie man vielleicht denkt. Nebenbei spielt er noch ein bisschen Daniel Düsentrieb, aber in den Jahrtausenden schnappt man ja schließlich auch so einiges auf.

 

Ein interessanter Aspekt ist allerdings der recht krasse Gegensatz zwischen den absolut banalen und viel zu zahlreichen, aber immerhin farbenfrohen Szenen auf den gesellschaftlichen Veranstaltungen der Adligen sowie Saint-Germaines und Madeleines schwülstigen Techtelmechteln auf der einen Seite, und den doch ziemlich direkt formulierten gewalttätig-sexistischen Drohungen und Begehrlichkeiten des Satanisten-Zirkels. Wirkt zwar etwas aufgesetzt, erfüllt aber durchaus seinen Zweck als Polarisierung; NOCH deutlicher kann man nicht klarmachen, dass die Vampire die Guten und Menschen, zumindest manche, doch viel eher die Bösen sind.

 

Also kein Roman zumindest für mich, aber das heisst nicht, dass sich nicht auch dafür Liebhaber (Arztroman-Leser, Nachwuchs-Grufties und Anne-Riceianer?) finden. Aber auch aus allgemeiner und handwerklicher Warte betrachtet kein sehr gutes Buch, mit all den Weitschweifigkeiten und zahllosen Banalitäten, die nichts zur Handlung beitragen. Darüber kann man nur hinwegsehen, wenn man vermag, sich auf die spezielle Atmosphäre mit all ihrem Pathos und den schmückenden Nebensächlichkeiten einzulassen.

 

Zu loben ist unbedingt das schöne und stimmungsvolle Cover, aber von babbarammdass ist ja auch nicht wirklich was anderes zu erwarten, grossartige Arbeit wie immer!

 

Warum sich diese "Saga" so grosser Beliebtheit z. B. in den USA erfreut und "hochgelobt" wird, erschließt sich mir persönlich nicht, wenn ich mir auch vorstellen kann, dass es dafür Liebhaber gibt, welche auf die üblichen Ansprüche an einen guten Roman (irgendeine sich entwickelnde Handlung, glaubwürdige Charaktere, keine vermeidbaren Längen) zu verzichten bereit sind. Wer auch immer behauptet hat "Chelsea Quinn Yarbro ist die bessere Anne Rice!", kann dabei nun wirklich nicht auf den vorliegenden Roman verweisen. Ob Yarbros andere Bücher dieses Prädikat in Anspruch nehmen dürfen, lasse ich mangels Kenntnis aber offen und erwarte mit (ziemlich) mildem Interesse die unvermeidlichen Fortsetzungen.

 

Ach ja, und Michael Moorcock hat bei mir erstmal verschissen...


Hotel Transylvania
Chelsea Quinn Yarbro
Festa-Verlag 2003
ISBN 3-935822-57-X
Paperback, 352 Seiten, 12,95 EUR


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