Ich weiß nicht, ob es mein emotionaler Zustand war, der mich in die Arme des ‘Königs in Gelb’ trieb. Unsere Beziehung war gerade zu Ende gegangen. Natürlich hatten wir beide beteuert, daß es unter den gegebenen Umständen das Beste gewesen sei. Trotzdem war es für mich wie ein kleiner Tod. Ich hatte sie so sehr geliebt, wie mir das möglich war - doch das war wohl nicht genug gewesen.
Aber ich denke, diese Erklärung ist zu billig. Wenn es überhaupt eine "Erklärung" gibt. Wahrscheinlich war es der Zufall, der mich auswählte. Ich glaube nicht an das Schicksal. Ich war so gut wie jeder andere.
In dieser Zeit ging ich durch die Stadt, in Gedanken versunken, nichts wahrnehmend. Es war Abend, und die Fußgängerzone war fast leer. Viele Geschäfte gab es dort ohnehin nicht mehr. Die Glocken auf dem Turm der St. Michael-Kirche erinnerten mich daran, daß ich mich beeilen mußte, um den letzten Bus in den Vorort zu bekommen, in dem ich wohnte. Der Bus hatte wie üblich Verspätung, so daß ich noch etwas an der Haltestelle warten mußte. Außerhalb des scharf umgrenzten Lichtkegels, den die einzelne Straßenlaterne schuf, herrschte Dunkelheit. So hatte ich sein Kommen gar nicht bemerkt, bis er mich ansprach:
“Darf ich ihnen dies hier geben?“, wobei er mir einen Zettel hinhielt. Ich glaubte, es sei wieder einer dieser ‘Tuet Buße!’ - Aufrufe einer der Weltuntergangssekten, die in letzter Zeit wie die Pilze aus dem Boden schossen. Da es bei solchen Leuten einfacher ist, ihre Pamphlete schweigend anzunehmen, als zu versuchen, sie abzulehnen, nahm ich das Papier. Ich hatte nicht die Absicht, es zu lesen. Ich hatte Probleme genug, da brauchte ich nicht noch die Verdummung durch eine dieser Sekten.
Heute weiß ich: Sie verstehen gar nichts von dem, was sie sagen! Sie sind davon überzeugt, daß bald alles mit einem Blitz und einem Donnerschlag vorbei sein wird. Sie wähnen sich auf dem richtigen Weg. Sie glauben, daß dann das große Endgericht kommt und die Auserwählten auf der rechten Seite des Herrn sitzen werden, während die Verdammten in die ewigen Höllenfeuer geschleudert werden. Diese Narren! Würden sie die Augen öffnen, so würden sie sehen, daß alles viel einfacher ist.
Der Bus kam, und verhinderte so eine weitere Unterhaltung mit jenem finsteren Gesellen.
Damals war ich froh, heute bedauere ich fast, ihn damals nicht besser kennengelernt zu haben. Andererseits hätte auch das niemandem etwas genutzt, am allerwenigsten mir. Als ich schließlich im Bus saß, schoß mir nur noch kurz durch den Kopf, daß ich den Mann gar nicht richtig gesehen hatte. Ich hatte zwar nach dem Stück Papier gegriffen, den Augenkontakt aber vermieden. Doch dann hatte ich ihn und seine Botschaft schon wieder vergessen.
Daheim warf ich mich auf mein Bett und nach einer Nacht komaähnlichen Schlafes ging ich zur Arbeit. Mein Abteilungsleiter, der meinen Zustand bemerkte, riet mir, doch ein paar Tage Urlaub zu nehmen. In Wirklichkeit hieß daß wohl, ich solle bald wieder in alter Frische bei ihm erscheinen, sonst wäre mein Posten frei für ambitioniertere Bewerber.
Nach Feierabend saß ich in meiner Wohnung und stierte auf das Telefon.
Sollte ich Anja anrufen?
Irgendwann tat ich es. Als ich ihre Stimme hörte, legte ich auf. ‘Keinen Sinn’, dachte ich. Wieder einmal wollte ich einen Spaziergang unternehmen. Ich nahm den Mantel von der Garderobe. Als ich die Hände in die Taschen steckte, fühlte ich Papier. Der Zettel vom Vortag. Ich nahm ihn heraus und strich ihn glatt. Es war gewöhnliches Schreibmaschinenpapier, mit einer Schere zerteilt und - was mich etwas verwunderte - von Hand beschrieben.
‘Besuchen Sie DER KÖNIG IN GELB, ein Puppenspiel in 2 Akten. Donnerstag, den 12.01.1999 um 22:00 Uhr in der Eisenwerkstraße 5.’
Der ‘König in Gelb’! Ich hatte von dem Buch gehört. Es war vor etwas über hundert Jahren erschienen. Obschon die Literaturforscher seine bloße Existenz leugneten, war es in mehr als einem Dutzend Länder verboten. Dem Vernehmen nach ließ es seinen Leser nicht... unverändert. Die Gegend, in der dieses Puppentheater stattfinden sollte, trug auch nicht gerade dazu bei, mein Vertrauen zu wecken. Doch ich war für jede Art der Abwechslung dankbar, und so führten mich meine Schritte an jenem Abend, denn es war Donnerstag der 12., in die Eisenwerkstraße.
Gegen 22:00 Uhr fand ich mich in der besagten Straße ein, die zu einem ehemaligen Gewerbegebiet gehörte. Auf der anderen Straßenseite reckten sich die Stahlstreben einer alten Lagerhalle wie ein Gerippe empor. Mauern, der Verputz von schwefelgelbem Schimmel bedeckt, die Scheiben eingeschlagen, standen einzeln herum, sie erinnerten gar nicht mehr an Teile von Gebäuden.
‘Das richtige Umfeld’, dachte ich.
Vor einer kleinen Feuerschutztür hatte sich etwa ein Dutzend Menschen versammelt. Man vermied es sich anzusehen. Ich stand vielleicht eine halbe Minute da, als sich auch schon die Tür öffnete. In der dunklen Öffnung stand ein kleines, gebücktes und müde wirkendes Männchen. Es trug eine alte Strickjacke und ausgebeulte Jeans.
“Wenn ich dann das Eintrittsgeld kassieren dürfte, meine Herrschaften.“ Er öffnete die Hand, und jeder, der vorbeiging, legte einen unbestimmten Geldbetrag in die ausgestreckte Handfläche. Ich gab ihm fünf Mark. Im Vorbeigehen sah ich, daß seine Augen grau und schlierig waren. Es wirkte fast so, als läge Staub auf ihnen.
Drinnen hingen ein paar nackte Glühbirnen von der Decke, die trübes Licht verbreiteten. Auf dem grauen Betonboden standen Stühle verteilt. Keiner von ihnen sah aus, wie der andere. Alle jedoch waren sie alt und brüchig.
“Machen sie es sich bequem, meine Herrschaften. Die Vorführung wird gleich beginnen.“
Die anderen Besucher suchten sich Plätze, so auch ich. Dann wurde das Licht gelöscht. Nur an einem kleinen aus Brettern gezimmerten Verschlag, brannten noch zwei Lampen. Über diesem Verhau hing ein schwarzes Tuch, das den Puppenspieler verdeckte. Vor dieser primitiven Puppenbühne hing ein kleinerer gelber Fetzen, der den Vorhang darstellte. Dieser hob sich sogleich. Das Stück begann:
Am Ufer brechen die finsteren Wogen,
Die Zwillingssonne sinkt hinter dem See,
Die Schatten werden lang
In Carcosa.
Fremd ist die Nacht, in der schwarze Sterne aufgehen,
Und fremde Monde an den Himmeln kreisen,
Aber fremder noch ist
Mein verlorenes Carcosa.
Lieder, von den Hyaden gesungen,
Wo die Lumpen des Königs flattern,
Müssen ungehört verklingen im
Düsteren Carcosa.
Lied meiner Seele, meine Stimme ist tot,
Stirb auch du ungesungen, wie unvergossene Tränen
Trocknen und sterben werden im
Verlorenen Carcosa.
...der könig in gelb reißt die mauern meines verstandes nieder vernichtet die illusion meiner realität und öffnet meine wahrnehmung auf daß ich erkenne wozu ein endgericht? Wozu ein ende? die welt besteht fort in ewiger sinnlosigkeit wo sinn scheint ist nichts ist öde ist verfall ist das ewige ende ist ein immerwährender tod gekleidet in einen anschein von leben...
Das Stück hatte geendet. Stille herrschte. Hier und da erklang ein leises Wimmern. Stühle wurden umgestoßen. Füße stolperten dem Ausgang entgegen. Ich blieb sitzen. Nach einer Weile ging das Licht an. Der kleine Mann stand da.
“Haben sie verstanden? Natürlich haben sie das. Kommen sie, es gibt eine Arbeit, die sie fortsetzen müssen.“
Ich folgte ihm. Wir gingen hinter den Verschlag. Dort zeigte er mir die Marionetten, und das alte, zerfledderte Manuskript von “Der König in Gelb“.
Dann zog er seinen Mantel an, und ging hinaus in die Nacht.
Wollen Sie nicht einmal den ‘König in Gelb’ besuchen? Ich spiele ihn jetzt jeden Donnerstagabend, und den Preis bestimmen Sie.
Carsten Schmitt
“Cassildas Lied“ aus The King in Yellow von Robert W. Chambers, 1895.