Gestatten Sie, dass ich mich zunächst einmal kurz vorstelle: mein Name ist Dennis Miller, ich bin Jahrgang ’75, Fotojournalist, lebe und arbeite in Manhattan. Ich rauche nicht, ich trinke nicht, ernähre mich überwiegend vegetarisch - bin also voll und ganz Mensch unserer Zeit, nicht etwa einer dieser obdachlosen Straßenpropheten, die mit selbstgeschriebenen Schildern am Times Square oder was weiß ich wo ihre Mahnwachen abhalten.
Warum ich das so betone? Nun: Die Geschichte, welche ich zu erzählen habe, wird bei Ihnen, werter Leser, ganz gewiss heftige Zweifel an meiner geistigen Gesundheit hervorrufen. Ja, ich würde Ihnen gerne das Gegenteil versichern, doch leider muss ich gestehen, mir da seit der einen Nacht in Neuengland selbst nicht mehr so ganz sicher zu sein.
Und wenn Sie mich fragen, warum ich meine Geschichte überhaupt erzählen will, so will ich ihnen antworten: Weil meine Berufsehre mich drängt, eine Geschichte wie diese nicht unerzählt zu lassen, und auch weil ich hoffe, danach endlich wieder einen gesunden Schlaf zu finden.
Alles begann mit dem Brief eines Notars aus einer Kleinstadt namens Porters Lane, welche südlich von Arkham an der Ostküste liegt. Darin wurde mir an diesem nicht eben sehr schicksalhaft wirkenden Morgen der Tod meines überaus zurückgezogen lebenden Großvaters verkündet, und ich wurde in Folge dieses tragischen Umstandes zum Antritt meiner Erbschaft aufgefordert.
Man muss dazusagen, dass mein Vater und mein Großvater Jahre zuvor miteinander gebrochen hatten. Großvater war mit der Scheidung meiner Eltern nicht einverstanden, und diesen Streit schafften die beiden Zeit ihres Lebens auch nicht mehr aus der Welt. Mein Vater starb allerdings bald darauf an Lungenkrebs. Zu sagen, er ging vor seiner Zeit, wäre angesichts von drei bis vier Schachteln Zigaretten am Tag wohl der blanke Hohn. Sein alter Herr ließ sich auf der Beerdigung jedenfalls nicht blicken.
Überhaupt hörte meine Familie von unserem ältesten lebenden Verwandten lange Jahre nichts, bis zu diesem verfluchten Brief.
Ich selbst hatte Großvater bestimmt seit meinem fünften Lebensjahr nicht mehr gesehen. Geschweige denn, dass ich mich auch nur irgendwie an sein Anwesen erinnern konnte, welches ich nun offensichtlich erben sollte.
Ich muss gestehen, ich hatte keine Gewissensbisse ob der Tatsache, mich nie wirklich um den alten Mann dort irgendwo am Ende der Zivilisation gekümmert zu haben. Nach dem Tod meines Vaters geriet der seinige gleich mit in Vergessenheit.
Wie dem auch sei, in Folge des Erhalts besagten Briefes fand ich mich also einige Tage später bei nasskaltem Wetter auf einer kurvenreichen Straße in Massachusetts wieder. Endlose Reihen dicht an dicht gedrängter knorriger Tannen säumten meinen Weg, und nur selten kam mir ein anderes vereinzeltes Auto entgegen.
Nach zwei ereignislosen Stunden Fahrt senkte sich schließlich eine Abfahrt hinunter nach Porters Lane, einem kleinen Städtchen, dessen ersten Eindruck man schlicht als verschlafen bezeichnen muss. Der für diese Gegend Neuenglands typische Anblick von alten Giebeldächern auf windschiefem Mauerwerk erwartete mich, und es war wohl nicht nur dem Wetter geschuldet, dass man kaum Menschen auf den Straßen sah. Mit etwas Mühe und Geduld fand ich dann auch den Weg zur Kanzlei des Notars, welcher mich nach Porters Lane bestellt hatte. Diese so genannte Kanzlei war allerdings nicht mehr als ein winziges Büro mit diversen Aktenschränken und einem dürren Greis, welcher zusammengesunken hinter einem nackten Schreibtisch scheinbar bemüht war, Ordnung in einen Stapel Papier zu bringen.
Nachdem ich durch ein Räuspern seine Aufmerksamkeit auf mich gezogen hatte, sah er mich nicht eben überrascht durch seine dicke Brille an und meinte mit dünner Stimme: „Ja bitte?“
„Guten Tag, mein Name ist Miller und ich komme auf ihren Brief hin. Sie sind doch Graham Espersson?“
„Den haben sie in der Tat vor sich!“, erwiderte er, mit für einen kurzen Augenblick kräftigerer Stimmlage, und machte eine Geste zu dem freien Stuhl an seinem Tisch hin.
„So, so. Der Enkel vom alten Miller sind sie also.“, fuhr er fort, als ich mich gesetzt hatte.
„Ja, Dennis Miller.“
„Nun, da sie von ihrem Großvater als Alleinerbe eingesetzt wurden, dürfte sich die Testamentseröffnung auch nicht allzu lang hinziehen, Mr Miller. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, geht es eigentlich nur um das Grundstück samt Haus und Mobiliar. Geldwerte hat ihr Herr Großvater meines Wissens Zeit seines Lebens keine nennenswerten besessen. - Nun ja, schreiten wir also zur Tat.“
Tatsächlich gestaltete sich die ganze Angelegenheit mehr als kurz. Mein Großvater hatte gerade mal ganze fünf Zeilen hinterlassen, in denen er mir seinen gesamten Besitz vermachte, der sich, wie der Notar schon rekapituliert hatte, auf Grundstück, Haus und dessen Einrichtung beschränkte. Mr Espersson händigte mir darauf noch einen Schlüsselbund aus und beschrieb mir auf Anfrage den Weg zum Haus.
Dieses lag knappe zwei Meilen außerhalb von Porters Lane, am südlichen Ende einer weiten und stark bewaldeten Hügellandschaft, die der Notar mir gegenüber als die Murdoch Hills bezeichnet hatte. Die Straße nach dort draußen war eigentlich nur ein festgefahrener und schlecht geschotterter Sandweg, gerade breit genug, dass sich darauf zwei Autos begegnen konnten, was aber vermutlich eher selten vorkam.
Wenigstens hatte sich das Wetter gebessert, als ich wieder aus meinem Auto stieg. Nicht mehr kräftiger Sommerregen, sondern eine immer mehr durch die Wolkendecke brechende Sonne herrschte nun vor. Ich hatte entgegen meiner berufsmäßigen Gewohnheit nur wenig an dieser Reise geplant. Zu gering waren meine Erwartungen im Voraus gewesen. Ich beschloss, einfach das Haus kurz in Augenschein zu nehmen und ansonsten noch mal nach Porters Lane hineinzufahren, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen. Wenigstens eine Nacht gedachte ich zu bleiben. Erstens wäre es ohnehin zu weit gewesen, am selben Tag noch nach New York zurückzufahren, und zweitens würde es wohl so oder so ein Weilchen dauern, Großvaters Nachlass zu sichten und zu ordnen.
Das Haus machte von außen trotz seines Alters einen soliden Eindruck, und auch im Innern war auf den ersten Blick nichts zu entdecken, was auf großartigen Renovierungsbedarf hingedeutet hätte. Zwar herrschte eine für alte, vereinsamte Menschen typische leichte Unordnung, doch davon abgesehen schien meiner Absicht, das Haus zu verkaufen, nichts im Wege zu stehen. Vom Küchenfenster aus entdeckte ich im Garten, welcher leichte Verwilderungserscheinungen aufwies, einige Bienenkörbe unter den einsamen Fichten, die mein spontanes Interesse erweckten. Ich konnte mich nicht erinnern, dass Großvater sich auf Imkerei verstand. Andererseits hatten wir uns ja auch lange nicht gesehen. Ich ließ es mit der Hausbesichtigung gut sein und begab mich stattdessen in den Garten, um die Bienenkörbe zu inspizieren. Nicht, dass ich Ahnung von Bienenzucht oder Honigherstellung gehabt hätte. Dennoch erachtete ich es als meine Pflicht als Erbe, auch diesen Teil des neu gewonnenen Besitzes in Augenschein zu nehmen.
Ein schmaler scheinbar selbst gelegter Weg aus Steinplatten führte um das Haus herum in den Garten und eben auch zu den Körben, aus denen tatsächlich fleißig Bienen strömten und ein geschäftiges Summen erzeugten. Ich stand gar nicht lange bei den Bienen, als ich jemanden auf einem schmalen Pfad aus dem angrenzenden Waldstück kommen sah. Ein älterer Herr mit dünner Nickelbrille und einem John Deere Cappy kam auf mich zu und begrüßte mich freundlich.
„Hey da! Ein Fremder hier draußen, das sieht man nicht alle Tage.“, attestierte er, wobei sich seine tiefe Bassstimme nahtlos in das unaufhörliche Summen der Bienen fügte.
„Dennis Miller, guten Tag.“, reichte ich im die Hand.
„Ah, der Enkel, nehme ich an.“
„Genau der!“
„Frank Harper vom Nachbargrundstück, da einmal durch den Wald durch. Hab ich doch vorhin richtig gesehen, dass da ein Auto die alte Buckelpiste raufkommt.“
„Tja, ich schätze es verirrt sich eher selten jemand hierher.“
„Eigentlich nie, wenn sie’s genau nehmen wollen.“, erwiderte er grinsend. „Ähm, sie verstehen was von Bienen?“
„Nein, eigentlich stehe ich aus Neugier hier. Ich schau mir halt nur meine Erbschaft an. Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht so recht, was ich mit ihnen machen werde.“
„Tja, ihr Großvater hat sie vor ein paar Jahren angeschafft. Schätze, er brauchte auf seine alten Tage irgendein Hobby. Hat mir in der letzten Zeit erzählt, er wäre besorgt, dass ihm die Völker wegsterben. Ist aber wohl gerade ein generelles Problem der Imker.“
„Hm. Wie gesagt, ich hab da auch keine wirkliche Ahnung von.“
Er nickte bestätigend, während er nachdenklich die Bienenkörbe musterte. Eine dieser wohlbekannten peinlichen Pausen entstand.
„Jaa... Mr Harper, ich will sie jetzt wirklich nicht vom Hof jagen, aber ich müsste noch mal nach Porters Lane, ein bisschen was zu essen kaufen und so.“
„Ach, schon in Ordnung. Ich wollte auch nur mal sehen, wer sich hierher verirrt hat. Also dann, schönen Tag ihnen noch!“
„Ja, ihnen auch. Auf Wiedersehen!“
„Wissen sie was, kommen sie doch heute Abend auf ein Bier rüber.“
„Äh - ja. Warum nicht.“
„Gut, dann bis später.“
Harper tauchte mit gemächlichen Schritten wieder ins Halbdunkel des Waldpfades ein und entschwand schließlich aus meinem Blickfeld.
Als ich dann später wieder aus Porters Lane zurückkam, hatte sich das Wetter soweit gebessert, dass man schon fast begann, dem Regen vom Mittag hinterherzutrauern. Andererseits regte sich bei mir durch den Sonnenschein die Unternehmungslust, und ich beschloss, das Erbe erst mal Erbe sein zu lassen und die seltene Gelegenheit zu einer Wanderung in der freien Natur zu nutzen.
Ich ging also einfach drauf los, mich immer nördlich haltend, mitten hinein in die augenscheinlich kaum berührten Wälder der Murdoch Hills. Mit meinem Rucksack geschultert zog es mich durch die friedvolle Natur, und die klare Luft war eine willkommene Abwechslung zum Smog der Metropole. Unter den Kronen uralter Bäume waren meine Schritte beschwingt und meine Gedanken leicht. Die Erinnerungen an alte Familienstreitigkeiten fielen ebenso von mir ab wie der Stress des gehetzten Großstädters.
Mein Weg zog sich zwischen den Hügeln hindurch, die sich Richtung Norden stetig weiter anhoben. Ab und zu wurde der Wald lichter, und an einigen Stellen waren es nur einige kleinere Baumgruppen, welche die schmalen Ebenen bestanden, die sich mit den grasbewachsenen Kuppen abwechselten. Die Weite dieses ursprünglichen Landstrichs faszinierte mich, und immer wieder hielt ich inne, um diese Atmosphäre mit meiner Kamera einzufangen.
Tiefer und tiefer drang ich in diese menschenleere Gegend ein, und als der Tag älter wurde, bemerkte ich, wie sich ein leichtes Unbehagen bei mir breitmachte. Ich, der ich nur überfüllte Straßen und das urbane Gedränge New Yorks kannte, war diese Abgeschiedenheit und Ruhe schlicht nicht gewohnt, erklärte ich mir meine Stimmung.
Und so zog ich auch sorglos weiter, mich nun aber allmählich mehr und mehr östlich haltend, in der Absicht, auf die Dauer einen Bogen zu schlagen, um schließlich wieder zum Anwesen meines Großvaters zurückzukehren. Freie Flächen wurden dabei langsam aber sicher seltener. Bald schon fand ich mich in Wäldern, die noch unberührter wirkten als jene, durch die ich vorher gekommen war. Sie schienen mir zugleich auch dunkler zu sein, und wieder spürte ich dieses Unbehagen.
Daher war ich auch recht froh, als sich eine Weile später der Wald wieder auftat.
Ich verließ den kühlen Schatten der Nadelbäume und trat hinaus auf eine zerfurchte Ebene voll von vertrocknetem Gras und Totholz. Und genau dort, an diesem leblosen Ort, wurde mir klar, was mein schleichendes Unbehagen verursacht hatte: Den ganzen Nachmittag war ich durch die Wälder auf den Murdoch Hills gewandert, aber hatte dabei nicht einen einzigen Laut von einem anderen Lebewesen als mir selber vernommen.
Doch auf dieser Lichtung drang ein stetes Knistern und Knacken an meine Ohren, welches ich mit keinen Worten genauer zu beschreiben vermag. Doch es war allgegenwärtig auf der toten Freifläche. Auch nachdem ich konzentriert die Lichtung abgegangen war, konnte ich den Ursprung dieses seltsamen Geräusches nicht ausmachen.
Eigentlich wäre es an der Zeit für eine Pause gewesen, doch ich nahm nur kurz den Rucksack herunter, um einen Schluck Wasser zu trinken, und machte mich dann eiligst wieder auf den Weg. Zum einen natürlich, um von dieser Lichtung herunterzukommen, zum anderen aber auch, um der sengenden Sonne zu entgehen. Kaum hatte mich wieder das Halbdunkel unter den Bäumen geschluckt, fand ich mich erneut von einer widernatürlichen Stille umgeben.
Wie froh war ich doch, als ich am Horizont endlich wieder die Rückseite meines Hauses erkennen konnte. Ich beschleunigte meine Schritte und hielt nur einmal im Garten inne. Ich lauschte. Zu meinem Erstauen hörte ich zumindest meine Bienen summen. Etwas weiter entfernt meinte ich, sogar ein oder zwei Vogelgesänge ausmachen zu können. Wahrscheinlich war es nur Einbildung gewesen, dort draußen in den Murdoch Hills, als ich geglaubt hatte eine widernatürliche Stille zu bemerken. Vermutlich waren meine Ohren vom Großstadtlärm schon zu betäubt, um noch die feinen Geräusche der Natur schätzen zu können.
Ich ging schließlich ins Haus, nahm eine kühle Dusche und überlegte dann, ob es wohl schon die rechte Zeit wäre, der Einladung des alten Harper nachzukommen. Nach kurzem Überlegen machte ich mich dann doch auf den Weg. Tatsächlich traf ich Harper auf seiner Veranda an, wo er in einem Schaukelstuhl saß und Zeitung las.
„Mr Harper, guten Abend!“, rief ich ihm zu.
„Ah, der junge Miller. Kommen sie doch und nehmen sie Platz! Kommen sie!“, sprang er sogleich auf und rückte einen der umstehenden Korbstühle näher.
„Äh - dankeschön. Wirklich, machen sie sich wegen mir bitte keine Umstände.“, meinte ich, etwas peinlich berührt von so viel Aufmerksamkeit.
„Ach, papperlapapp. Wenn man so selten wie ich Besuch bekommt, dann will man doch wenigstens ein guter Gastgeber sein. So, und jetzt hole ich uns erstmal ein Bier.“
Und mit diesen Worten verschwand er durch die Fliegentür ins Haus. Ich saß also alleine auf der Veranda, wartete auf meinen neuen Nachbarn und das Bier. Ich sah mich ein wenig um und mir fiel auf, dass Harpers Haus einen neuen Anstrich gebrauchen konnte. Die weiße Farbe begann schon vielerorts abzuplatzen. Nach einer Weile ertappte ich mich dabei, wie ich wieder lauschte. Noch immer meinte ich, nur die Bienen und ein paar Vögel hören zu können.
Dann kam Harper mit dem Bier.
„Hier, nehmen sie, Junge, und lassen sie’s sich schmecken!“
„Prost!“
„Und hinunter damit!“, erwiderte Harper mit einem dröhnenden Lachen.
Wir nahmen beide einen ordentlichen Zug und betrachteten dann mit wohlwollendem Nicken unsere Flaschen.
„Gutes Bier!“, attestierte ich.
„Eine kleine Brauerei hier aus der Gegend, einer der letzten großen Arbeitgeber.“
„Hm...“
„Und, wie haben sie den restlichen Tag verbracht? Sind sie schon mit dem Ordnen des Nachlasses vorangekommen?“
„Um ehrlich zu sein hab ich noch gar nicht damit angefangen. Bei den Wetter heute Nachmittag ließ ich mich spontan zu einer Wanderung hinreißen. Ich meine, wie oft kommt man als Stadtmensch schon dazu, in unberührter Natur zu spazieren?“
„Dazu kann ich nichts sagen, Mr Miller. Mein letzter Besuch in einer größeren Stadt ist schon knappe 20 Jahre her. Wenn sie erstmal hier draußen gelandet sind, kommen sie so schnell nicht wieder weg. Schätze, den Siedlern, die nach Porter hierherkamen, ging es nicht viel anders.“
„Wer war dieser Porter?“
„Irgendein Pionier, der sich recht früh gen Westen durchgeschlagen hat. Obwohl, eigentlich weiß man nur, dass er mal losgegangen ist, aber nicht, ob er auch angekommen ist. Vermutlich erinnert man sich nur an ihn, weil sein Pfad die ersten Siedler in diese Gegend geführt hat und die Stadt deshalb ihren Namen bekam.“
Wir unterhielten uns noch eine Weile über die Geschichte der Gegend um Porters Lane. Harper erzählte mir noch diese und jene lokale Begebenheit, aber es waren nur wenige Anekdoten von Interesse darunter. Ich erfuhr, dass die meisten älteren Sippen der Stadt aus Ipswich und Arkham stammten. Ferner, dass die Murdoch Hills ihren Namen von einem alten Einsiedler hatten, der auf den Hügeln gewohnt hatte und Anfang des 17. Jahrhunderts wegen des Vorwurfs der Hexerei von den Siedlern aus Porters Lane in die Wälder gejagt worden war. Und auch von der kleinen Minengesellschaft, die bis in die Fünfziger weiter nördlich ansässig und der bis dahin größte Arbeitgeber der Gegend gewesen war, allerdings nach einem Stollenunglück dichtgemacht hatte.
Ich erzählte Harper, trotz der Geschichte über den Ursprung ihres Namens, nichts von meiner Beklommenheit bei der Wanderung durch die Murdoch Hills. Stattdessen verabschiedete ich mich nach einem zweiten Bier artig und wünschte ihm eine angenehme Nachtruhe. Auf dem Rückweg nahm ich den schmalen Weg, welcher mein und sein Haus durch das langgezogene Waldstück miteinander verband.
Ich sollte an dieser Stelle erwähnen, dass ich mütterlicherseits indianische Vorfahren habe und daher nicht all zuviel Alkohol vertrage. Entsprechend angetrunken dürfte ich an diesem Abend denn wohl auch gewesen sein, egal wie nüchtern ich mich noch gefühlt haben mag. Das erklärt vielleicht auch, warum ich mich auf dem letzten Drittel des Weges immer wieder verstohlen umblickte, weil ich glaubte, von irgendwoher beobachtet zu werden. - Jedwede andere Erklärung wäre mir auch offen gestanden zu unheimlich.
Ich beschleunigte meine Schritte und hielt wieder nur kurz in meinem Garten inne, der unter dem Mondlicht in eine bizarre Aura getaucht dalag. Und schon wieder lauschte ich auf die Geräuschkulisse an diesem Ort, doch da war nichts, nicht einmal mehr das geschäftige Summen der Bienen.
Ein Frösteln zog meinen Rücken hinauf, und ich sah zu, dass ich ins Haus kam. In dieser Nacht schlief ich zwar nicht besonders, aber ich schob es auf die ungewohnte Umgebung und nicht auf diese merkwürdige Beklommenheit, die mich seit dem Nachmittag nicht mehr so recht verlassen wollte.
Bis zu diesem Punkt mag mein Bericht vielleicht nur wie die etwas wirre Erzählung eines überspannten Geistes wirken, der die Ruhe der Natur nicht gewöhnt ist. Ich wünschte nur, es wäre so.
Am nächsten Morgen war auch ich geneigt, diese Auffassung zu teilen. Ich nahm erneut die sich bietende Gelegenheit wahr und frühstücke im eigenen Garten, wo wieder die Bienen ihr monotones Summen verbreiteten. Danach begab ich mich nochmals nach Porters Lane, um Umzugskartons zu kaufen, die ich am Vortag vergessen hatte. Nachdem ich diese besorgt hatte, begann ich die Schränke im Haus auszuräumen. Alles, was ich an Unterlagen fand, lagerte ich gesondert auf dem großen Tisch im Esszimmer zwischen. Ihnen wollte ich mich später widmen. Nachdem ich alle der beweglichen Besitztümer meines Großvaters in Kisten verstaut hatte, entstaubte ich die Möbel und deckte sie anschließend mit Laken ab, die ich in einem der Schränke aufgetan hatte. Schlussendlich beseitigte ich noch den Abwasch und sank dann auf die Couch nieder, eines der letzten unverhüllten Möbelstücke. Ich war zufrieden mit mir und meinen Fortschritten. Wahrscheinlich würde ich schon am nächsten Tag nach New York zurückkehren können und den Verkauf dann auch per Telefon über einen lokalen Makler abwickeln lassen.
Nach dem Mittagessen ging ich die Unterlagen durch und sortierte sie, was ich mir eigentlich auch hätte schenken können, da es sich fast ausschließlich um uralte Stromrechnungen oder ähnliche Zahlungsbelege handelte. Über meine Geschäftigkeit vergaß ich die Zeit und auch die unheimliche Stille der Murdoch Hills. Als ich schließlich aufsah und die einsetzende Dämmerung bemerkte, beschloss ich, noch schnell einen Karton mit einigen Kleinigkeiten, die ich zu behalten gedachte, in den Wagen zu bringen. Und dabei fiel es mir dann auf. Ich stand mit dem Karton in der Hand vor meinem Chevrolet und hörte es: Dieses unsägliche Geräusch von der Lichtung in den Murdoch Hills. Keine Bienen, keine Vögel, nur dieses beständige Knistern und Knacken.
Eilig schloss ich meinen Karton im Auto ein und ging mit zügigen Schritten zurück ins Haus, durch dessen Wände das Geräusch zum Glück nicht drang. Zumindest noch nicht...
Denn im Laufe des restlichen Nachmittags rückte seine Quelle näher und näher ans Haus, denn es wurde zusehends lauter. Zuerst glaubte ich, mir das Anschwellen des Geräuschs nur einzubilden, doch als ich an diesem Abend früh ins Bett zu gehen gedachte, um am nächsten Morgen möglichst früh die Fahrt zurück antreten zu können, da war es nicht mehr zu überhören. Auf der Wiese hinter dem Garten, im Garten selbst, aus den benachbarten Waldstücken und um das ganze Haus herum war dieses widerwärtige Knistern zu vernehmen.
Ich ging dennoch ins Bett, von der Hoffnung beseelt, trotz allem irgendwie Schlaf zu finden. Es mögen wohl an die drei Stunden gewesen sein, die ich mich hilflos im Bett gewälzt hatte, bis ich resignierte und mich wieder erhob. Inzwischen schien das Knistern noch lauter geworden zu sein, was mich aber zu diesem Zeitpunkt nur noch wenig berührte. Ich klammerte mich nur an den beruhigenden Gedanken, die nächste Nacht wieder im eigenen Bett verbringen zu können. Ich begab mich in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken, in der Annahme, danach vielleicht einen zweiten Versuch starten zu können. - Wäre ich doch nur liegen geblieben...
Nach dem, was ich dort im von lunarem Licht gefluteten Garten sah, oder auch nur zu sehen glaubte, finde ich bis heute nur schwer in den Schlaf.
In der hintersten Ecke des Gartens, dort im nächtlichen Schattenwurf der alten Fichten bewegte sich etwas, ganz nahe bei den Bienenkörben. - Spätestens an diesem Punkt hätte ich mich abwenden und wieder nach oben gehen sollen. Denn was dort einen Moment später in das kalte, bleiche Licht des Mondes trat, kann und darf es nicht geben. Jedenfalls nicht in dieser Welt, nicht außerhalb der LSD-Trips eines Junkies.
Diese... Kreatur, ihr Körper erinnerte entfernt an den eines Hummers oder ähnlichen Tieres, jedoch schloss sich durch das Paar membranähnlicher Flügel auf ihrem Rücken eine solche Verwandtschaft wohl aus. Gekrönt wurde dieser Hohn auf die Evolution, oder von mir aus auch Schöpfung, durch etwas, das wohl den Kopf oder ein vergleichbares Glied darstellen sollte, jedoch scheinbar nur eine Ekel erregende Ansammlung von Fühlern war. Und obwohl ich keine Augen oder vergleichbares an diesem Unding ausmachen konnte, hatte ich das beängstigende Gefühl, von ihm beobachtet zu werden.
Inmitten meines Wahns tauchte eine frühe Kindheitserinnerung auf. Mein Großvater pflegte eine Schrotflinte in einem Geheimfach hinter der Kellertür zu verstecken, und ich hoffte inständig, dass er im Alter mit dieser Gewohnheit nicht gebrochen hatte. So stürmte ich also hastig zur Kellertür. In meinem Rücken konnte ich das immer noch ungebrochene Knistern hören, welches nunmehr zu einer Art Summen anschwoll, scheinbar als direkte Reaktion auf meine Flucht aus der Küche, und zu meiner Besorgnis stellte ich fest, dass dieses Summen wie eine stark pervertierte Form jenes Summens klang, das die Bienen meines Großvaters sonst erzeugten.
Ich fand die Flinte genau dort vor, wo sie nach meiner Erinnerung zu sein hatte, und eilte unverzüglich zurück zum Küchenfenster. Doch das, was ich dort im Garten zu sehen geglaubt hatte, war verschwunden, dafür war dieses grausige Summen noch immer zu hören, nun in ohrenbetäubender Lautstärke.
Einen Augenblick später wäre mein Herz beinahe stehengeblieben, als sich die Fratze dieses Dings, das nicht sein durfte, direkt vor dem Küchenfenster zeigte und das Summen bis weit über die Schmerzgrenze hinaus anstieg. Blind, weil ich vor Entsetzen meine Augen geschlossen hatte, gab ich zwei Schüsse auf das Fenster ab. Der Rückstoß erschütterte meine Schulter, beißender Pulverdampf stieg in meine Nase, ich hörte Glas zersplittern und ich vernahm ein widerliches Geräusch, das in mir das Bedürfnis weckte, mich zu übergeben. Das Summen aber verstummte schlagartig. Tatsächlich war es nun sogar wieder totenstill. So totenstill wie draußen in den Wäldern auf den Murdoch Hills.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort wie angewurzelt stand, die leere Flinte umklammernd und wie blöde auf das kaputte Fenster starrend. Irgendwann hatte ich mich so weit gefasst, dass ich es wagte, aus dem Fenster zu sehen. Unter dem Fensterbrett lag dieses Unding. Das, was ich für seinen Kopf gehalten hatte, war zerfetzt. Und eine Art grüner Schleim triefte aus der basketballgroßen Wunde. Ich holte meine Kamera vom Esszimmertisch und zwei Päckchen Munition aus dem Geheimfach. Ich schloss die Küchentür hinter mir und schob den Kühlschrank davor, während ich mich immer wieder ängstlich zum Fenster in meinem Rücken umsah, das ich schließlich notdürftig mit dem Küchentisch versperrte, jedoch nicht ohne vorher ein Foto der Kreatur zu schießen. Dann hockte ich mich mit der neu geladenen Schrotflinte in die Ecke und wartete in der unerträglichen Stille, bis endlich die erlösenden ersten Strahlen der Morgensonne durch die Ritzen meiner Barrikade am Fenster fielen.
Vorsichtig nahm ich den Tisch wieder herunter von der Küchenzeile und warf mit vorgehaltener Flinte einen Blick hinaus. Das Vieh war verschwunden. Nichts außer dem kaputten Fenster deutete darauf hin, dass ich in der Nacht nicht einfach nur einen lebhaften Alptraum gehabt hatte.
Als ich meinen Blick hinüber zu den Bienenkörben wandern ließ, bemerkte ich, dass einer von ihnen umgefallen war. Einen Moment später fiel mir auf, dass noch nicht einmal das Summen der Bienen die Stille störte.
Ich rannte in den Garten. Mit der Flinte im Anschlag näherte ich mich vorsichtig dem Korb. Keine Bienen, kein Summen, nichts. Was ich aber stattdessen im Inneren des Korbes entdeckte, trieb mir das blanke Entsetzen in meine Augen, denen ich kaum zu trauen wagte.
Ein etwa 20 cm großes weißes Abbild dessen, was ich in der Nacht zuvor erschossen zu haben glaubte, lag darin - und ließ mich an den Rand des Wahnsinns taumeln.
Sobald ich meine Gedanken wieder etwas sammeln konnte und ruhiger atmete, kam mir in den Sinn, dass es sich um eine Art Larve oder Puppe dieses Undings handeln mochte. Ich wollte mir nicht ausmalen, was es bedeutete, sollte ich mit dieser Idee Recht haben. Stattdessen eilte ich ins Haus zurück und holte eine Flasche Lampenöl, die mir am Vortag beim Aufräumen in die Hand gekommen war. Zurück im Garten warf ich die scheinbar verlassenen Bienenkörbe auf einen Haufen, übergoss sie mit dem Lampenöl und ließ sie brennen. Ich stand dort wohl eine ganze Weile, die unnatürliche Stille wollte und wollte nicht weichen. Als die Glut der Körbe schließlich ihrem Ende entgegen ging, wandte ich mich ab und ging zu meinem Chevrolet. Ich warf Kamera und Flinte auf den Rücksitz und sah zu, dass ich nach Hause nach New York kam.
Dies alles ist nun ungefähr zwei Monate her. Inzwischen habe ich den Nachlass meines Großvaters aufgelöst, das Haus unter dem Vorwand der Baufälligkeit abreißen lassen und das Grundstück über einen ortsansässigen Makler verkauft. Ich muss zu meiner Beruhigung nie wieder in die Gegend von Porters Lane oder in die Murdoch Hills. Und trotz meiner Berufsehre bin ich mehr als froh, dass das letzte Foto auf meiner Kamera, aus welchen Gründen auch immer, nichts geworden ist. Nur ein weißer Fleck, der auf verstörende Art an die Umrisse dieses Undings im Garten erinnert.
Nun verstehen Sie hoffentlich, werte Leser, warum es mir unmöglich ist, zu schweigen, auch wenn ich fürchten muss, für einen Verrückten gehalten zu werden. Doch eines kann ich Ihnen am Ende noch versichern: Ich war noch nie so glücklich über die nie abreißende Geräuschkulisse des Big Apple...